schnee auf den hügeln

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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allerleirauh
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Beitragvon allerleirauh » 20.01.2018, 10:43

ich wünsche mir eine zeit
eine zeit vergessen in den wintern unserer leben
einen lenz
mit amselsingen wenn das helle weicht
es dunkel wird im haus
du neben mir liegst
ich nicht einmal deine hand fassen kann
einen lenz
mit dem hellen grün der bäume in den vorhängen
und meinen blicken in deinen
mit eichenlaub auf dunklen äckern
zertretenen schneckenhäusern
würmern die sich winden
käferlarven
einen lenz
mit pfingstrosen die immer wieder
in ihren liedern duften
/poppies and peonies/
uns in die jahre folgen

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Niko
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Beitragvon Niko » 22.01.2018, 20:58

hallo allerleirauh!
dies ist ein text der besonderen art für mich. er hat etwas geheimnisvolles und es ist ein sanfter text.
ein paar dinge fielen mir auf und ich gehe den text mal durch. wobei es schwierig ist, deinen text in abschnitte zu zerstückeln. denn du hast hier ohne dass es sich aufdrängt, sondern eher unglaublich unauffällig zeilenübergriffe geschaffen. fast scheint es so, als könne man die übergriffe nehmen, da wo sie dem leser passen. sie sind ein angebot. kein zwang. das mag ich sehr. meistens sind diese zeilenübergriffe sehr offensichtlich. nicht so hier. wie ich finde.

ich wünsche mir eine zeit
eine zeit vergessen in den wintern unserer leben
einen lenz
mit amselsingen wenn das helle weicht
es dunkel wird im haus
du neben mir liegst
ich nicht einmal deine hand fassen kann
einen lenz
mit dem hellen grün der bäume in den vorhängen
und meinen blicken in deinen
mit eichenlaub auf dunklen äckern
zertretenen schneckenhäusern
würmern die sich winden
käferlarven
einen lenz
mit pfingstrosen die immer wieder
in ihren liedern duften
/poppies and peonies/
uns in die jahre folgen

das englische in der vorletzten zeile finde ich etwas überflüssig, störend. würde die Zeile fehlen, wäre es für mich perfekt. es wirkt auf mich wie ein fremdkörper.
auffällig ist mir, dass das wort "lenz" dreimal vorkommt. ich bin gewiss niemand, der wortwiederholungen zählt. taucht das gleiche wort mehrfach in einem gedicht auf, dann wird es eine bewandnis damit haben. das denke ich auch hier. nur eben ist lenz ein wort, dass aus der zeit fällt. es ist schon mehr als ungebräuchlich. das macht das wort nicht unsympathisch, aber dennoch auffallend. ist dir "frühling" zu statisch? oder ein lenz, weil der lebensfrühling so weit entfernt zu liegen scheint? wie in einer anderen zeit? wie auch das wort lenz einer anderen zeit gehört?
in der zweiten zeile mag ich "zeit vergessen" das zeitvergessene und zeit, die in den wintern der leben vergessen ist. sehr gelungen. ich mag solche dopplungen, die sich ebenfalls ganz unauffällig hie und da im text verstecken!
die beschreibung des "abendfriedens" beim hereinbrechen der dunkelheit amselsingen, mit der beginnenden dunkelheit im haus.
das helle grün der bäume in den vorhängen.....man fühlt es vor sich!
die würmer und käferlarven erschließen sich mir nicht. es ist ja, so ich es richtig sehe, ein wunschbild, also positiv besetzt. aber ich komme nicht dahinter.
eine starke stelle:"mit pfingstrosen die immer wieder in ihren liedern duften.....klasse!
und die letzte zeile ist hoffnung. dieses atmende bild der pfingstrosen, die "uns in die jahre folgen"

sehr gerne gelesen!

Herzlichst - Niko
Zuletzt geändert von Niko am 24.01.2018, 18:14, insgesamt 1-mal geändert.
.Ein Gedicht auf dem Hintergrund der Biographie des Autors zu interpretieren ist so, als würde man einem schwimmenden Schiff das Wasser nehmen. (NJK)


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birke
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Beitragvon birke » 24.01.2018, 16:41

ein zarter text, geheimnisvoll, dunkel und hell zugleich, mich erreicht eine ganz besondere stimmung.
den "lenz" finde ich hier zentral und durchaus passend, ich denke auch an die redensart "lauer lenz" ... leichtes leben ...
und "poppies and peonies" - empfinde ich als absolut stimmig hier ... sowohl wenn ich die blumen vor augen habe, als auch in bezug zu einem gleichnamigen lied.
tu etwas mond an das, was du schreibst. (jules renard)

https://versspruenge.wordpress.com/

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Werner
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Beitragvon Werner » 31.01.2018, 21:34

das gefällt mir sehr gut! Wie Diana sagte, "zart".

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allerleirauh
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Beitragvon allerleirauh » 31.01.2018, 22:09

hallo,

ich danke für eure rückmeldungen.

@niko: "poppies and peonies" ist ein wunderschöner song von christian kjellvander, den ich immer mit pfingstrosen und frühling assoziiere. ich will ihn gern in dem text haben.
und lenz, ja, gehäuft im text. ich wollte gern ein wort, das neuanfang und frühling und verliebtsein einschließt. ursprünglich hatte ich über ein fantasiewort nachgedacht. feuchte, umgegrabene erde gehört für mich zum fühling. ich kanns schlecht erklären.

A.


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