kleine beckenpoesie

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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birke
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Beitragvon birke » 21.08.2018, 18:55

.

das becken
schluckt alles (was fließt)
/wie das wasser die kehle hinunter rinnt/
weiß glänzend geduldig
sein lächeln
während ich am abend
meine gedanken hinein
spucke auf träume
hoffe




___________________________________________________
(in der ersten zeile "waschbecken" zu "becken" geändert)
.
Zuletzt geändert von birke am 25.08.2018, 10:14, insgesamt 1-mal geändert.
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Hetti
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Beitragvon Hetti » 23.08.2018, 13:55

Ich lese hier gar nicht, dass jemand auf Träume spuckt, sondern das Gedanken ausgespuckt werden, hinein ins geduldige Waschbecken. Und wenn Lyrich sich von den Gedanken gelöst hat, dann, dann hofft es auf Träume.

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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 23.08.2018, 14:21

Das hatte ich auch gedacht. Ich bekomme nur kein Bild hin für diese Tätigkeit. Ich kann mir Gedanken nicht als Spucke vorstellen. Geht nicht. Wenn ich wüsste, das da eine Hexe oder ähnliches am Zaubern wäre, so mit magischem Spucken in den Zaubertopf hinein, dann vielleicht ... -- Aber dafür stimmt der ganze Rahmen nicht. Ich sehe da in der Einleitung einen normalen, allabendlichen Vorgang.

Ich will das Gedicht aber nicht schlecht reden. Je mehr kommentiert wird, desto neugiererweckender wird das Werk.

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birke
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Beitragvon birke » 23.08.2018, 15:54

kleiner einwurf: es gibt doch aber sogar das sprichwort, wenn jemand etwas auf dem herzen hat: "na, komm, spuck's aus!"

ps: freu mich über eure Kommentare! ist auch für mich sehr spannend.
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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 23.08.2018, 16:10

Ja, schon. Man spuckt den Stein aus, der auf dem Herzen liegt. Vielleicht fehlt mir das Wort "ausspucken". Ich lese nur "hineinspucken". Etwas leichtes, alltägliches.

Ich glaube, das Wort "Gedanken" ist mir einfach zu eigenschaftslos. Wo ist das Bild dazu? Um was für Gefühle geht es? Was sind da für Farben, Töne, Düfte ...?

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birke
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Beitragvon birke » 24.08.2018, 00:06

du meinst also etwas konkreteres als "gedanken"?
hm, schwierig... weil es ja verschiedenste gedanken sind, jeden tag auch andere?
lyrich spuckt das aus, was im kopf ist...
tatsächlich bemühe ich mich, das, was mich beschäftigt, "abzulegen", bevor ich mich schlafen lege. (gelingt mal mehr, mal weniger.)
jetzt lege ich die gedanken zu diesem text erstmal ab ;)
gutenachtgrüße!
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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 24.08.2018, 03:01

Bin jetzt über Nacht auf den Gedanken gekommen, dass im Gedicht das Wort "Träume" im Sinn von "Wünsche" gemeint sein könnte, also nicht, wie es die Badezimmer-Szene suggeriert, im Sinn von "geistigen Erlebnissen", die üblicherweise nach dem Zubettgehen im Schlaf stattfinden. -- Das ergibt mir dann auch ein stimmigeres Bild: Wünsche sind oft verbunden mit Ritualen, und bei Ritualen wird manchmal auch gespuckt.

So wird das Bild insgesamt etwas wilder. Wenn ich diese Wildheit aber wieder rausnehme und den reinen, sanften Alltagsvorgang darstelle, dann finde ich halt, passt die Ästhetik des Gedankenablegens nicht zusammen mit der des Spuckens. Das ist ja kein sanftes Ablegen, es ist ein druckvolles Wegschleudern. Es ist intensiver. Und entsprechend dazu müsste der Szenenrahmen härter aussehen. Emotionaler. Wo zeigt das Gedicht den Druck, der zum Spucken führt? Der Rahmen ist zu weich dafür. Wenn das Szenenbild in sich nicht stimmt, wirkt die Idee auf mich zu free-jazzig. In so einer ganz freien Improvisation könnte die lyrische Figur seine Gedanken ebenso gut auch pinkeln. Wo man spucken kann, kann man auch pinkeln. Aber können solche Hochdruck-Metaphern funktionieren als sanftes Gedankenablegen?

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Beitragvon birke » 24.08.2018, 10:17

interessante nacht-gedanken :)
für mich funktioniert es trotzdem, man kann ja muster durch- oder aufbrechen, vielleicht wird ein text dadurch auch einfach interessanter, als wenn er absolut rund geschliffen wäre bzw einfach in der stimmung verweilen würde. kontrapunkte setzen. es wäre etwas anderes, wenn das lyrich die gedanken zb am beckenrand ablegen würde. (auch denkbar zwar ...) aber für mich passt das "spucken" hier viel besser. dennoch. spannende gedankengänge, danke.
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Beitragvon Nifl » 24.08.2018, 19:08

Ich möchte nur noch mal schnell anmerken, dass ich den Titel wundervoll finde, dann enttäuscht war, dass aus dem Becken ein Waschbecken wurde. Wenn das Becken Becken und Becken sein könnte, wäre es für mich genial.
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

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birke
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Beitragvon birke » 24.08.2018, 22:55

oh, ja, das ist in der tat eine überlegung wert! ich werde mal drüber schlafen, aber ich bin fast überzeugt. vielen lieben dank, nifl!
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Beitragvon birke » 25.08.2018, 10:15

ich habs mal geändert.
funktioniert das...??
(mucki, das geht auch ein bisschen in deine richtung, das ding nicht ZU konkret zu benennen, oder?)
liebe grüße und danke!
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Beitragvon Nifl » 25.08.2018, 11:59

ja, gefällt.

Auch die Verbindung (für mich wichtige) "schlucken/spucken" wird deutlicher.
Das Becken ist ja auch Symbol für Fortpflanzung.

das becken
schluckt (was fließt)
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trifft meine gedanken
am abend
auf träume spucken
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Beitragvon Mucki » 25.08.2018, 13:20

:daumen:

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Beitragvon birke » 26.08.2018, 10:06

danke euch :blumen:

(nifl, ja, auch denkbar, wobei in deiner version sich das "spucken" tatsächlich nur "auf" die träume bezieht.)
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