für (drei gedichte, gewidmet)

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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Werner
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Beitragvon Werner » 13.08.2019, 20:58

für Jürgen Becker

und
es ist ein gröbkörniger tag

wie sand kies moränen im blick auf den einen schatten
der lange still steht und sich dann
plötzlich bewegt
ums haus
über die straße vor dem haus
bis er weitergeht
in eine andere fotografie

[die im abend verschwimmt
mit deinem eigenen leben]

auf der du keinen mehr kennst

.

für Nicolas Born

unterwegs die häuser alle hatten weiße fenster

gelbe drehkreuze in den scharnieren
eine rote zeichnung unter dem neuen lack
schaut piwitt aus rom herunter auf die straße
ich beobachte die radfahrer mit ihren gefetteten ketten
wie sie am flussufer gegen die strömung fahren
talwärts ziehenden lastkähnen entgegen
beladen mit schwermut die einen
die anderen mit leichtem licht aus den bergen
lang fallen die schatten der lenker und räder
hinaus auf die treibende flut
ich gedenke dem wasser
der stadt

.

für Pier Paolo Pasolini

die zeichnung auf dem käferflügel wies scharfe konturen auf
filmschnitte im grauen chinin
marschierten junge faschisten durch ein drehbuch pasolinis
er schrieb es in erinnerung an ein treffen in weimar
später am strand von ostia
die stelle ist bekannt
fehlte ihm die zeit für ein letztes gebet
[verschwamm im abendhimmel
graues chinin]

Nikolaus
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Beitragvon Nikolaus » 13.08.2019, 21:42

Hallo Werner!

Diese drei Widmungen mag ich. Auch das ungewöhnliche, die drei in einen "Block" zu stellen.

Für mich persönlich enorm hetausstechend ist das "für" an Jürgen Becker. Es ist wirklich besonders. Ich mag die Bilddarstellung darin extrem. Sie unterscheidet sich von den Bilderprojizierungen der beiden anderen Texte (und, wie ich finde, den meisten deiner mir bekannten Texte) sehr. Vielleicht habe ich aber auch auf mysteriöse Weise einen besonderen Zugang. Wer weiß. Aber vielleicht ist DAS die Kunst: subtil Zugänge zu ermöglichen.
Für mich ist es (d)ein Meisterwerk. Danke!

Herzliche Grüße - Niko

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Werner
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Beitragvon Werner » 17.08.2019, 17:12

Vielen Dank lieber Niko für die Zustimmung.

Entstanden sind diese drei Widmungen vor wenigen Wochen einzeln, spontan, in kurzer Reihenfolge hintereinander, wie sie dastehen. Es sind quasi die noch unbearbeiteten Rohfassungen. Im Sommer habe ich die Angewohnheit an warmen Tagen abends auf dem Balkon zu sitzen und nebenbei Gedichte zu lesen. Da nahm ich mir mal wieder nach langer Zeit diejenigen von Jürgen Becker (Beispielsweise am Wannsee) und Nicolas Born (Gedichte), beide in der Bibliothek Suhrkamp, die mich schon länger begleiten, zur Hand. Die Zitate, die am Anfang der Gedichte stehen stammen aus dem Gedicht "Eine Zeit in Berlin" (Becker) und "Dienstag 16. August 77". Zu Pier Paolo Pasolini las ich, dass er in jungen Jahren, 1942/42, in meiner Geburtsstadt Weimar war. Hier der Link: http://www.literaturland-thueringen.de/ ... aziergang/

In der Tat war der "grobkörnige Tag" von Becker eine Steilvorlage für mich als Geologe, so dass die folgenden Worte nur so auf das Papier flossen ...

Auch sollte in den Gedichten der jeweilige "Ton" der Vorlage irgendwie erhalten bleiben, und doch ein eigenes Gedicht von mir sein. Ich denke, es ist gelungen?

Dass die drei ursprünglich einzelnen Gedichte zu einem einzigen Gedicht zusammenflossen, ist der Tatsache geschuldet, dass ich sie als ein Gedicht zu einer Veröffentlichung einreichen wollte ... und sie passen in dieser Art zusammen. Eine "zufällige" Auswahl, eine "zufällige" Zusammenführung ... und doch wieder nicht "zufällig"! Neu, originär?! Das ist irgendwie das tolle an Lyrik.

Danke nochmals.

Herzlichst, werner


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