allzeit

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Nikolaus
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Beitragvon Nikolaus » 29.03.2021, 15:08


Allzeit


Die Zeit ist kurz,
Die Zeit ist lang
und manchmal währt sie ewig.

Sie bleibt mal steh´n,
mal rennt sie fort
ist Balsam und ist sehnig.

Was sie auch sei,
ob gut, ob schlecht....
Es gibt davon zu wenig!

Es nützt nur leider kein Geschrei.
Und was wir tun ist einerlei:
Wir sind ihr letztlich hörig.

.
Ich lese Lyrik. Das spart Zeit.

(Marilyn Monroe)

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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 29.03.2021, 16:40

Sehr schwungvoll und rund!

Nikolaus
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Beitragvon Nikolaus » 29.03.2021, 18:17

Danke, Pjotr!
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birke
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Beitragvon birke » 29.03.2021, 21:06

mir ist das zu plattitüdenhaft, lieber niko, mir fehlt da was frisches, etwas individuelles... zeit ist eh so ein abstrakter begriff, mir fehlt es da ein wenig an substanz. "sehnig" ist da schon ein guter ansatz.
und "der zeit hörig"? ich weiß nicht.
aber nur meine meinung. :)
lg
tu etwas mond an das, was du schreibst. (jules renard)

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aram
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Beitragvon aram » 02.04.2021, 01:03

lieber niko,

..zu wenig schlechte zeit(en)? mh, ich weiß nicht .-)

geschmeidig rhythmisiert, gereimt, philosophische kleidungswahl, darin eher schlicht geformt - wie ein burdamodenschnittbogen von 1964 - schöne einfache schnitte übrigens..

rein unpersönlich/allgemeingültig - ok, aber darin dann doch nicht ausreichend leichtschwebend, dass man sich eben daran auch freuen kann (siehe meinen eingangseinwand)

so mit leichter hand hingeworfen wirken wollende "existenzkommentare" sind schon eine hohe herausforderung - ein ästhetisch motivierter papierdrachen muss erstmal steigen - das schaffen viele schon gar nicht, dieser hier bleibt immerhin nicht am boden - dann aber auch aerodynamisch genug sein um im wind zu tanzen, und nicht immer wieder - vielleicht nur über ne unsauber gebaute ecke - abzuschmieren und sich erst kurz vor dem aufschlag evtl. doch wieder zu fangen - oder auch nicht.

das ist wirklich schwer - nicht umsonst sind das web der 'social lyrik' und diverse sammelbände übersät von diesbezüglichen versuchen, die alle nicht fliegen.

deshalb kann ich mit deinen persönlicheren texten viel mehr anfangen - eine abstraktion so weit zu treiben wie hier versucht gelingt selten - aber immerhin, ein versuch - und bei dir weiß man ja nie was als nächstes kommt - und dann in bisweilen bis dahin ungelesener schnitt-form doch wieder 'niko-typisch' berühren kann .-)

..bitte weiter und alles liebe!
aram

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Beitragvon aram » 02.04.2021, 01:28

p.s. 'der zeit hörig', wirkt, wie birke schon andeutet, hier schräg - aber gerade dieses bild ließe sich auch spannend entwickeln:

die zeit als eine art domina, die viele auch noch teuer bezahlen, um sich masochistisch unterwerfen und quälen zu lassen - freiwillig? - oder in einem 'style' gefangen?

Nikolaus
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Beitragvon Nikolaus » 02.04.2021, 10:58

Liebe Birke!

Vielen Dank für deinen Kommentar. Die Auseinandersetzung mit meinem Text freut mich wirklich sehr!

Als eine Plattitüde meinen Text anzusehen, empfinde ich jetzt nicht gerade als schmeichelhaft, Diana. Das etwas frisches fehlt, ist da nochmal etwas anderes.
Das von dir als "Plattitüdenhaft" empfundene (dein gutes Recht!) entspringt einer keinesfalls plattitüdenhaften Lebenserfahrung.
Vielleicht ist das Reimen dazu angetan, das Ganze dann letztlich nicht in seiner völligen Tiefe (die es dann doch auch hat?) wahrzunehmen. Und ich habe eben versucht der "abstrakten Zeit" ein wenig Profil zu geben.

Herzliche Grüße - Niko
Ich lese Lyrik. Das spart Zeit.

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Nikolaus
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Beitragvon Nikolaus » 02.04.2021, 11:25

Lieber aram!

Schön, dich zu lesen nach so geraumer Zeit!


"zu wenig schlechte zeit(en)? mh, ich weiß nicht"

Nun...Ich schrieb in meinem Text:

Was sie auch sei,
ob gut, ob schlecht....
Es gibt davon zu wenig!

Und es ist doch so! Wenn die Zeit gut läuft, dann wünscht man sich, dass man mehr von dieser positiven Zeit hätte. Und wenn es schlecht läuft, dann hätte man besonders dann gerne mehr Zeit, um wieder einen Weg zu finden in bessere Zeiten.


du schreibst:
"geschmeidig rhythmisiert, gereimt, philosophische kleidungswahl, darin eher schlicht geformt - wie ein burdamodenschnittbogen von 1964 - schöne einfache schnitte übrigens.."

Mir ging es darum, die Thematik, die inhaltlich ohnehin schwierig ist, locker in Worte zu fassen. Reime sind da oft ein guter Weg. Zumindest für mich.

du schreibst weiter:
"rein unpersönlich/allgemeingültig - ok, aber darin dann doch nicht ausreichend leichtschwebend, dass man sich eben daran auch freuen kann (siehe meinen eingangseinwand)"

letztlich war das mein Ziel. Nicht lesen, lächeln und weiter, sondern kurz innehalten, den Inhalt aufnehmen und für sich resumieren. Diesbezüglich scheint mir das also gelungen. :tata:

"so mit leichter hand hingeworfen wirken wollende "existenzkommentare" sind schon eine hohe herausforderung - ein ästhetisch motivierter papierdrachen muss erstmal steigen - das schaffen viele schon gar nicht, dieser hier bleibt immerhin nicht am boden - dann aber auch aerodynamisch genug sein um im wind zu tanzen, und nicht immer wieder - vielleicht nur über ne unsauber gebaute ecke - abzuschmieren und sich erst kurz vor dem aufschlag evtl. doch wieder zu fangen - oder auch nicht. "

ob mein Papierdrache nach dem Abflug direkt abschmiert und unsanft landet, oder ob der von mir angestoßene Papierflieger schier endlos durch die Lüfte gleitet, ist letztlich eine Sache des Lesers. Nicht meine. Ich gebe eine Grundlage mit meinem Text. Manchem taugt das nix und das Ding stürzt ab. Bei manchen aber trägt der Text und bietet Substanz zur "inneren Einkehr" zum "drüber nachdenken". - Mehr kann ich als Autor nicht wollen! - Das ich nicht jeden erreiche mit jedem Text is eh klar!

"das ist wirklich schwer - nicht umsonst sind das web der 'social lyrik' und diverse sammelbände übersät von diesbezüglichen versuchen, die alle nicht fliegen."
Ich finde diese Aussage sehr pauschal, aram! "Übersät von diesbezüglichen Versuchen, die alle nicht fliegen...." Jeder pickt sich seins raus. und jeder noch só grottenschlechte Text findet in den "social media" oder in einem Sammelband irgendjemanden, dem der Text sehr gefällt, der ihn an irgendeiner Ecke abholt. Ich finde es letztlich vermessen, ein gewisses Niveau vorauszusetzen, dass einen erst dazu berechtigt, sich mit einem Text auseinanderzusetzen.

"deshalb kann ich mit deinen persönlicheren texten viel mehr anfangen - eine abstraktion so weit zu treiben wie hier versucht gelingt selten - aber immerhin, ein versuch - und bei dir weiß man ja nie was als nächstes kommt - und dann in bisweilen bis dahin ungelesener schnitt-form doch wieder 'niko-typisch' berühren kann .-)"

Diese Worte von dir tuen natürlich sehr gut! Danke, aram! Allerdings habe ich in obigem Text nicht versucht, "eine Abstraktion weit zu treiben". Das Gegenteil sollte mein Versuch gewesen sein!

Herzlichen Dank für deine intensive Auseinandersetzung, aram! Sowas ist tausendmal wichtiger für den Verfasser, als Schönkommentieren und Lobhudeleien!

Habe ein wundervolles Osterfest in dieser C - Zeit!

Herzliche Grüße - Niko(laus)
Ich lese Lyrik. Das spart Zeit.

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Beitragvon birke » 02.04.2021, 12:00

Nikolaus hat geschrieben:Liebe Birke!

Vielen Dank für deinen Kommentar. Die Auseinandersetzung mit meinem Text freut mich wirklich sehr!

Als eine Plattitüde meinen Text anzusehen, empfinde ich jetzt nicht gerade als schmeichelhaft, Diana. Das etwas frisches fehlt, ist da nochmal etwas anderes.
Das von dir als "Plattitüdenhaft" empfundene (dein gutes Recht!) entspringt einer keinesfalls plattitüdenhaften Lebenserfahrung.
Vielleicht ist das Reimen dazu angetan, das Ganze dann letztlich nicht in seiner völligen Tiefe (die es dann doch auch hat?) wahrzunehmen. Und ich habe eben versucht der "abstrakten Zeit" ein wenig Profil zu geben.

Herzliche Grüße - Niko



lieber niko,
ich dachte, du wolltest eher ehrliche kritik als schmeichelei ;) naja, ok, aram hat es netter gesagt.
dass dieses deiner "keinesfalls plattitüdenhaften lebenserfahrung" entspringt, mag ja sein, aber ich habe ja hier nur den text vorliegen und in diesem spüre ich das nicht. du bleibst beim abstrakten, beim oftmals gehörten, da fehlt mir ein profil. dabei zeigt sich ja zeit sogar in dingen, zb im (schnell) prasselnden regen oder aber einer (langsam) fallenden schneeflocke ganz konkret. nur ein beispiel, welches mir gerade einfiel. mag sein, dass das gereimte mit hineinspielt, dass es zu seicht wirkt, das ist es aber nicht nur.
aber wie auch immer, den worten arams: "deshalb kann ich mit deinen persönlicheren texten viel mehr anfangen" schließe ich mich jedenfalls an. :)
liebe grüße von diana
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Beitragvon Pjotr » 02.04.2021, 12:25

aram hat geschrieben:p.s. 'der zeit hörig', wirkt, wie birke schon andeutet, hier schräg - aber gerade dieses bild ließe sich auch spannend entwickeln:

die zeit als eine art domina, die viele auch noch teuer bezahlen, um sich masochistisch unterwerfen und quälen zu lassen - freiwillig? - oder in einem 'style' gefangen?


Der Zeit hörig sind die meisten Lebewesen, denke ich. Zeit entwickelt; man kann die Entwicklung nicht aufhalten. Also diese Hörigkeit finde ich nicht schräg, auch wenn es Ausnahmen gibt: Ein Mensch, der die Entwicklung des Faltengebirges im Gesicht aufhalten möchte, zum Beispiel, lässt sich vom Arzt die Haut aufspannen und festtackern; oder ein Mensch, der in der Gesellschaftsordnung der vorigen Jahrhundertmitte festsitzen möchte, will andere da mit einspannen; oder ein Mensch, der jedwede Weiterentwicklung verweigert, beendet seine Hörigkeit durch Aufspannen seines Halses im Strang. Aber, wie gesagt, solche Unhörigen sind eher in der Minderheit.

Ich las das Gedicht automatisch in einem schnellen "So-ist-es-nun-mal"-Tonfall, den man bekommt, wenn man nach mühseliger Diskussion endlich zu einem positiven, schmissigen, frechfreundlichen Schlusswort kommen möchte, um das ersehnte Feierabendbier trinken zu können. In dem Sinn klang es für mich absolut echt. Einen anderen Sinn kann ich mir gar nicht vorstellen.


Ahoy

P.

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Beitragvon birke » 02.04.2021, 13:47

@ pjotr: ich empfinde uns eher als der zeit zugehörig. aber gut, da könnte man ausschweifen. :)
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Beitragvon Pjotr » 02.04.2021, 14:43

Sehe ich auch so. Alles gehört zueinander. Innerhalb dieses Miteinanders gibt es Abhängigkeiten, sonst wäre es kein Miteinander, sondern ein Gegeneinander. Die Pandemie, beispielsweise, diktiert unser Zeitgeschehen. Wir müssen auf sie hören; sie beeinflusst uns. Wir reagieren und beeinflussen sie wiederum. Der Virus hört dann auf uns. Danach tritt er wieder auf, und wir hören auf ihn. Ein wechselndes Rollenspiel der Hörigkeiten -- Dom & Sub.

Sogar der Papst, dem viele hörig sind, ist selbst ebenfalls hörig. Und jener russische Masochist, der auf dem Roten Platz seine Hodensackhaut auf den Asphalt nagelt, zwingt die Politiker, auf seine politischen Forderungen zu hören.

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Beitragvon aram » 02.04.2021, 16:23

schicksalhaftes ausgesetzt-sein muss ja noch keine hörigkeit nach sich ziehen.

eine schiffbrüchige ist dem meer ausgesetzt - ist sie ihm deshalb hörig?

kommt auf den einzelfall an, nicht auf die grundsituation an sich - und wird gegebenenfalls immer vom individuum mitbestimmt - oder?

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Beitragvon Pjotr » 02.04.2021, 17:20

Sicher, den Hörigkeitsbegriff kann man natürlich aus unendlich vielen verschiedenen Perspektiven betrachten. Ich kann Ozeanwellen sehen, die eine Schiffbrüchige auf- und abbewegen; dieser Bewegung ist die Schiffbrüchige hörig. Oder ich kann eine Schiffbrüchige sehen, die auf den Ozeanwellen schwimmt; der Ozean ist dann ein höriges Transportmedium.

Und, ich denke, man kann auch das "Zugehören" sowohl als ein Mit- auch als ein Gegeneinander auffassen. Der Virus, zum Beispiel, kann nicht total gegen uns sein, denn er braucht uns. Er kann weder total lebenserhaltend noch total vernichtend sein. Demnach kann man auch die Vorsilben "gegen-" und "mit-" herauskürzen. Dann bleibt die Wechselwirkung an sich, ohne Sozialfloskeln.

Apropos Virus: Da denke ich auch an faschistische Systeme. Da sie systembedingt nur das Gegeneinander befürworten, und keinerlei Wechselwirkung mit Anderem erlauben, löschen sie sich meist nach wenigen Jahren selber aus. Was Faschisten untereinander tun, kann man als Gegeneinander oder als Miteinander bezeichnen, je nach Perspektive, das sind nur Schmuckwörter; jedenfalls gibt es keine Wechselwirkung mit Anderem, und deshalb gehen sie unter. Denn Leben braucht Mischung und keinen Inzest.


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