jünger altern

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Klara
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Registriert: 23.10.2006

Beitragvon Klara » 19.04.2026, 11:06

Jünger altern

Früher hatte ich Angst vor solchen wie mir
Die tun, was sie denken und denken, was sie sagen

Die barfuß in Schuhen sitzen
Die eigenen Füße achten
Zweifel nicht verhehlen
Mottenlöcher in der Jacke übersehen
Die nicht jeden Tag duschen und früh aufstehen
um zu hören, wie die Sonne aufgeht
Die mit Enten sprechen, mit Bäumen, mit Grashalmen, als wären sie ihresgleichen
Die laut singen, auf dem Fahrrad, in einer Sprache, die sie selbst erfinden
Die nicht nur sonntags dichten
Die sich für die falschen Dinge schämen, nicht für die richtigen
Die Obdachlosen Guten Tag sagen wie Kollegen
Die das eine Hosenbein hochkrempeln, das andere nicht
Die sich langweilen, wenn sie keinen eigenen Gedanken spüren
Die zu alt sind für Miniröcke und trotzdem welche tragen
Die herumzappeln, im Kino, in der Sauna, an Tischen, im Leben
Die sich Raum geben, ohne anderen welchen zu nehmen

Manche wollen mich klein machen
Sie sagen, ich lache zu laut
Sie sagen, ich lächle zu leise
Sie tun mir weh, aber sie halten mich nicht von mir ab

Früher hatte ich Angst vor solchen wie mir
Heute versuche ich, mir selbst ähnlicher zu werden
Tag um Tag

jondoy
Beiträge: 1732
Registriert: 28.02.2008

Beitragvon jondoy » 21.04.2026, 18:50

hallo "klara",
bin fast nicht hier, doch wenn ich einen mit deinem nick entdecke, schau ich rein,
und schreib sogar spontan was dazu,

so sätze wie ...die laut singen, auf dem fahrrad, in einer sprache, die sie selbst erfinden... oder ...die sich raum geben, ohne anderen welchen zu nehmen... oder ...sie tun mir weh, aber sie halten mich nicht von mir ab... gefallen mir gut, und bei dem da ...die obdachlosen guten tag sagen wie kollegen... täten narzisstische schreibhälse sich beim schreiben verschlucken, so eine aussage findet sich nicht nicht oft unter gebirgen/müllhalden von texten, den da ...die das eine hosenbein hochkrempeln, das andere nicht... find ich lustig, einen hab ich nicht ganz verstanden ...die sich für die falschen dinge schämen, nicht für die richtigen..., wäre spannend, zu wissen, welche intension da beim schreiben zwischen den zeilen geschwebt hat,

so dahingeschneit.

Klara
Beiträge: 4549
Registriert: 23.10.2006

Beitragvon Klara » 22.04.2026, 08:53

Danke für dein Feedback.
Bei der Unklarheit habe ich auch überlegt, wie rum es richtig ist, das wäre vielleicht etwas für die Frageecke.
Was ich sagen will:
nicht für Dinge schämen, die für lyrich in Ordnung sind, aber von außen als peinlich gelten
für Dinge schämen, die von außen betrachtet als in Ordnung gelten, für lyrich aber nicht

jondoy
Beiträge: 1732
Registriert: 28.02.2008

Beitragvon jondoy » 22.04.2026, 23:04

dann ist diese zeile im Text die essenz von dem hier und nach meinem sprachgefühl dann so rum genau richtig, und passend in der länge, danke fürs erklären, es ist schon eine fein reflektierte beschreibung jenes zustands, illustriert in bildschönen facetten, den der titel lapidar in zwei worten ausdrückt, und erinnere mich jetzt daran, dass ich dieses lyriche fahrrad mit einer gitarre schon mal in echten worten gesehen habe.


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