Augsburg, Scheitern auf ganzer Linie [ein Gebrauchstext ohne künstlerischen Anspruch]

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Klara
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Beitragvon Klara » 09.05.2026, 13:24

Augsburg, Scheitern auf ganzer Linie
(Ein etwas anderer Lesungsbericht)


Im Fronhof hängt eine Laterne schief
Wer ist denn dagegen gefahren?
Der Krieg?
Die Luft steht still, meine Lesung fällt aus
„Das Wetter“, sagte die Pressefrau, „es ist zu gut“
Doch ich war schon
auf dem Weg in die Stadt, in der Brechts Mutter ihren Sohn gebar

Hier steht sein Geburtshaus, ich schau es mir an
Sieben Monate war er darin daheim
Am 4. Juli 1956, lese ich dort, kurz vor seinem Tod
hat er von der BRD eine Volksbefragung geordert:
„Wollt Ihr wirklich den ersten Schritt tun,
den ersten Schritt in den Krieg?“, fragte Brecht
Am 7. Juli beschloss der Bundestag die Wehrpflicht –
mit der Kirche, aber ohne Volk
Seitdem ist Gewalt wieder patriotisch
Damals murrte das Volk leiser als die Künstler
Heute ist es umgekehrt

In Augsburg fahren schmale Straßenbahnen durch enge Kopfsteinpflastergassen
Der Totalzerstörung entging die Stadt
weil sie sich mutig kurz vor Schluss kampflos ergab
Eine Tafel erinnert daran
Die US-Armee marschierte friedlich ein
(Brecht war nicht dabei, er schrieb im Exil)

Heute will der US-Präsident davon nichts mehr wissen
Er zieht Truppen ab, zur Strafe
für unsere Mündigkeit
Wir rüsten jetzt ohne die Amis auf
Vielleicht sogar gegen sie
Wir rüsten und rüsten und reden uns ein
es sei für den Frieden
als könne eine Demokratie
nur gerechte Kriege führen und mit genügend Militär
die ungerechten verhindern
obwohl nicht nur die USA
immer wieder das Gegenteil beweisen

Wir Deutschen wollen vergessen
wer wir waren und dass das Böse
in jedem lauert, in jeder Kugel
und jedem Lauf
in jedem Gerede von „Feinden“ und „Lumpenpazifisten“
Wir wollen endlich zu den Guten gehören
bewaffnet bis an die Zähne
Schon das Wort „Frieden“ gerät unter Sabotageverdacht
Gute müssen stark sein, heißt es
Jeder Hollywoodfilm beweist es
Auch die Kirche rüstet wieder auf
Räsonniert staatstragend von „Sicherheitspolitik“
Nächstenliebe wird zur Gewaltverteidigung umgedeutet
und wenn man sich eh schuldig mache
finden die wehrhaften Protestanten
dann doch lieber mit der Waffe in der Hand
Jesus ist so tot wie seine Feindesliebe

Ich zweifle und warte
Lang kann’s nicht mehr dauern, dass neue Wehrpflicht zugreift
mit neuem Leid
(Bevor jemand fragt: Nein, ich bin kein
Totalpazifist, und: Ja, "wir" müssen
uns wehren können, aber
wer ist "wir" und wie reich werden "die"
an potenzieller Zerstörung und
schwarz-weißer Naivität?
Ich freue mich, wenn ich "unsere" Soldaten sehe
Olivgrün und mit Namensschild fahren sie
gutgelaunt im vollen Zug
auf Heimaturlaub
Sie wirken stark und bürgernah, ich würde
sogar selbst gern schießen können
Vielleicht lern ich es noch
Aber
auch für den Raum, den Frieden zu denken,
ohne als schwach oder Verräter zu gelten
müssen "wir" kämpfen)

Der Zweifel macht einsamer
als eine Lesung im Brechthaus
zu der keiner kommt
„Tut mir leid“, sagt die Kassiererin
„Mir auch“, sage ich.

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