Wenn Worte Schnee sind

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Jürgen

Beitragvon Jürgen » 11.03.2008, 14:51

Wenn Worte Schnee sind

fallen sie nieder,
lassen frösteln,
dringen durch jeden Mantel
mit ihrer Kälte

und schmelzen in der Sonne.

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leonie
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Beitragvon leonie » 11.03.2008, 15:04

Lieber Jürgen,

ein spannender Gedanke, vor allem das "Schmelzen in der Sonne" regt mich zum Weiterdenken an. Dazu fällt mir vieles ein.

Ich finde, es könnte fast noch dichter sein.
Als Idee, was ich meine:

Schneeworte

fallen nieder,
lassen frösteln,
durchdringen jeden Mantel

und schmelzen in der Sonne.


Liebe Grüße

leonie

Gast

Beitragvon Gast » 11.03.2008, 18:32

Lieber Jürgen,

zu "Schnee" und "fallen hernieder", fällt es mir schwer Negatives zu empfinden.

Hättest du geschrieben "Eisworte klirren" , wäre die "Sache" für mich klar gewesen ;-) ... aber so?

Schnee hat doch etwas weiches, wattiges ja zärtliches ... und wenn Worte Schnee sind, fallen sie sanft und langsam ...

.. und durch jeden Mantel können m. E. solche Worte nicht dringen, sie sind viel zu zart, sie sickern höchstens langsam ein ...

Solche Worte küsst doch die Sonne gleich von den Lippen fort ...

Ich komme mit diesem Bild nicht zurecht ....

Liebe Grüße
Gerda

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 11.03.2008, 20:39

Lieber Jürgen,

mir ging es im Einstieg wie Gerda: der Titel ließ mich nicht unbedingt rein positiv rangehen, aber ich dachte auch nicht in erster Linie an: eisiges, fröstelndes, sondern eher an eine (stumme/stumm machende) Art der Worte: so als machten die worte eines anderen einen sprachlos. Worte wie Eis beietet sich natürlich auch nicht an zu schreiben, weil das sehr gängig wäre (und deine Formulierung klingt ja sprachlich sehr sehr gut!). Ich glaube aber, dass da schon eine kleine Diskrepanz zwischen deinem gewälten Bild und deiner Aussage, die du treffen willst, herrscht (keien grundsätzliche, aber wie man auch auf verschiedene Weise traurig sein kann, so kann einem auch auf verschiedene weise von worten kalt werden - und das bild des schnees klingt für mich eben weniger eisig als die beschreibungen der nachfolgenden beiden Zeilen.

Den letzten Vers könnte ich mir ohne Punkt und vor allem ohne und weniger offensichtlich wendepunktmäßig vorstellen - ich glaube als Leser wäre man dann viel fließender überrascht und die Wendung drängte sich nicht so aus.

Dann deke ich noch, ob Schnee wirklich mit ihrer Kälte durch den Mantel drängen oder ob es nicht ihre Nässe ist und dann erst wird einem kalt (was doof wäre, denn dann macht es auch ein wenig die letzte Zeile kaputt).

Für mich funktioniert das Bild in seiner Gänze so noch nicht, wenn ich auch die Metapher sehr fein finde, auch das einleitende wenn.

Liebe Grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

wonigo

Beitragvon wonigo » 11.03.2008, 20:43

Hallo, Gurke

mir gefällt das Bild sehr gut. Gerade das, was Gerda kritisiert, macht die Geschichte für mich so spannend. Leicht hingeworfene Worte "zarte" können - vor allem wenn es mit Absicht geschieht - stärker verletzen als klirrende Eiszapfen.
Und hinterher? Sind die Worte nicht greifbar, sie zerschmelzen. War da was?

Nur die Wunden bleiben.
So meine Sichtweise.

Sicher ahnst du schon die Melodie. Deshalb werde ich mich hüten, dir zu Straffung zu raten.

Gefällt mir mit jedem Lesen besser!
Wolfgang

Jürgen

Beitragvon Jürgen » 11.03.2008, 21:13

Hallo leonie, Gerda, Lisa & wonigo,

Erstmal vielen Dank für Eure Komentare.

@ leonie,

du wirst vielleicht lachen, an Schneeworte habe ich auch schon gedacht, aber es schien mir so typisch, so gewöhnlich.

@ Gerda & Lisa

ich spreche Euch mal gemeinsam an, da Ihr beide Bedenken bezüglich der Stimmigkeit des Bildes habt. Das Schnee so positiv besetzt ist, war mir so nicht bewußt, wenn ich nicht gerade an Gedichte, die den Winterwald loben, oder Schneeballschlachten denke. In meinem Kopf ist Schnee eher nass und kalt und vor allem bedeckt er alles. Eis wäre mir hier zu stark, aber ich denke gerade nach, ob Eisregen eine Idee sein könnte. Es ist da schon die Nässe, die durch Mäntel dringt, Lisa, aber die erzeugt der Schnee. Du meinst, es geht nicht? Ich muss drüber nachdenken. Vielleicht lasse ich die dritte Zeile einfach weg.

@ wonigo,

vielen Dank. Straffung kannst Du mir schon empfehlen :-) . Ich denke drüber nach.

Schönen Abend

Jürgen

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leonie
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Beitragvon leonie » 11.03.2008, 21:24

Hm, ich hatte gleich an so einen schweren, nasskalten Schnee gedacht...
Für mich ist das Bild stimmig.

Liebe Grüße

leonie

Hakuin

Beitragvon Hakuin » 13.03.2008, 20:37

Gurke hat geschrieben:Wenn Worte Schnee sind

fallen sie nieder,
lassen frösteln,
dringen durch jeden Mantel
mit ihrer Kälte

und schmelzen in der Sonne.


ja so sind sie...

kannst sie auch formen und wem ins gesicht knallen.

salve
hakuin

DonKju

Beitragvon DonKju » 21.03.2008, 16:38

Hallo Gurke,

also ich mag Deinen Text, nur in der letzten Zeile würde ich, so mal hobbit-mäßig unbedarft, ein 'doch' statt dem 'und' vorschlagen, um den Gegensatz stärker zu betonen, der für mein Empfinden zwischen der mittleren Passage und dem Schlußsatz besteht.

Hobbit-Gruß Bilbo

Nicole

Beitragvon Nicole » 21.03.2008, 16:42

Hallo Jürgen,
sorry, ich mißbrauche Deinen Faden jetzt mal für ein OffTopic:

Hi bilbo,
Du scheinst sehr hobbit-mäßig angehaucht ... magst Du dich nicht mal im Cafe vorstellen? ich wüßte inzwischen wirklich gerne, was es mit Deiner Tolkien-Manie auf sich hat...

Nicole

Jürgen

Beitragvon Jürgen » 21.03.2008, 19:33

Hallo hakuin, Nicole und Bilbo (ich habe Tolkien auch immer gern gelesen, allerdings kenne ich wohl nur seine bekanntesten Werke)

@ Nicole
Ist schon in Ordnung (zwinker)

Ehrlich gesagt bin ich bei diesem Text immer unsicherer, ob das Bild standhält und denke an Lisa und Gerdas Einwände. Dein Vorschlag, Bilbo, hat viel für sich. Der Satz wird dadurch natürlich direkter. Ich denk drüber nach.

Schöne Feiertage wünsch ich euch

Jürgen
Zuletzt geändert von Jürgen am 21.03.2008, 21:31, insgesamt 2-mal geändert.

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ferdi
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Beitragvon ferdi » 21.03.2008, 21:10

Hallo Jürgen!

Gefällt mir so, wie es da steht! Ich würde nichts ändern...

(Tolkienverehrer bin ich übrigens auch).

Ferdigruß!
Schäumend enthüpfte die Woge den schöngeglätteten Tannen. (Homer/Voß)

Nicole

Beitragvon Nicole » 21.03.2008, 21:52

Hi jürgen,
ich bin platt. Hatte ich direkt nach meinem Off Topic noch eine Kommentar zu Deinem Gedicht geschrieben, mit viel Liebe und viel Mühe... und wo isser hin?!? Das muß schwarze Magie sein!
Ich kriege es jetzt nicht mehr so hin, deswegen: ich finde die Bilder fein, hier können die Worte eben auch andere Gestalten haben, als Schnee. Sie können/ könnten auch die Sonne sein, die schmelzen läßt.
Och menno, heute nachmittag hatte ich es schöner geschrieben....

Gefällt mir gut!

Nicole

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Elsa
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Beitragvon Elsa » 21.03.2008, 22:10

Gurke hat geschrieben:Wenn Worte Schnee sind

fallen sie nieder,
lassen frösteln,
dringen durch jeden Mantel
mit ihrer Kälte

und schmelzen in der Sonne.


Lieber Jürgen,

das gefällt mir. Eisworte sind ganz klar schneidend und gemein. Sie sind so gemein, dass man gut zurück gemein sein kann.

Aber Worte, die leise eindringen, sanft wirken, wehrlos machen, denn es ist schwer gegen gesäuselte Gemeinheit vorzugehen, sind viel ärger.

Ich bezweifle aber (bei meiner Interpretation), dass die Worte restlos wegschmelzen können, sie sitzen meist recht tief....

Lieben Gruß
Elsa
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