Verlassen (Männergedicht)

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Sam

Beitragvon Sam » 17.03.2008, 18:59

Verlassen (Männergedicht)


Ich fühle mich unumsorgt.

Die Lider heruntergelassen,
dahinter verdreckte Augen.
Meine Haut liegt ungebügelt auf mir herum,
Mund und Rachen schon lang nicht mehr gefegt.
Zigfach geblasene Trübsal vergammelt in Herz und Hirn,
neben dem Gedankenmüll im Stirnbereich.
Mein Haar gehört gemäht und
aus Ohren und Nase das Unkraut gezupft.
Und mein Geschlecht, oh mein Geschlecht:
Stellt sich jeden Morgen an
und bleibt trotzdem ein Arbeitsloser.

MarleneGeselle

Beitragvon MarleneGeselle » 18.03.2008, 13:40

Hallo Sam,

fein beobachtet. Sollen wir LI wirklich bedauern? Oder zu einem schönen Tritt in den eigenen Sitzbereich raten? :bumper:

Liebe Grüße
Marlene

Nicole

Beitragvon Nicole » 18.03.2008, 14:12

Hi Sam,

ich sehe das LI geradezu vor mir ... Leidet verlottert rumliegend und lamentiert ... Sehr fein.
Ich würde die vorletzte Zeile ändern:
steht jeden Morgen auf (oder: stellt sich jeden Morgen auf)...

Ansonsten wunderschöne Beschreibung eines herrlich leidenden Mannsbildes....

Nicole

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Elsa
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Beitragvon Elsa » 18.03.2008, 14:15

Lieber Sam,

ist es tatsächlich so, dass Männer sich derart gehen lassen?

Auweia....

Aber wenn, dann ist das herrlich formuliert.

Lieben Gruß
ELsa
Schreiben ist atmen

MarleneGeselle

Beitragvon MarleneGeselle » 18.03.2008, 15:11

Hallo Elsa,

solche Jammerlappen gibt es häufiger, als frau glaubt. Die Sorte ist erschreckend weit verbreitet. Am schlimmsten sind die Muttersöhnchen!

Liebe Grüße
Marlene

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Beitragvon Elsa » 18.03.2008, 15:16

Liebe Marlene,

aber sich zu waschen aufhören?!? Ich meine, das macht man doch für sich selbst, oder?

*schauder*

Lieben Gruß
Elsa
Schreiben ist atmen

Jürgen

Beitragvon Jürgen » 18.03.2008, 15:21

Hallo Sam,

seltsam, auf dieses "Männergedicht" antworten nur Frauen. Na ja, jetzt schreib ich auch was. Eine sich gehenlassende, vom Partner verlassene Person wird beschrieben. Und das einfallsreich, nur die verdreckten Augen wollen mir nicht recht gefallen. Verdreckt und Augen kann ich nicht wirklich kombinieren.

Schöne Grüße

Jürgen

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Beitragvon leonie » 18.03.2008, 15:27

Lieber Sam,

klingt für mich so, als würde die Arbeitslosigkeit wohl noch ein Weilchen anhalten :-). Solche Typen erfordern schon einen recht hohen Mitleidsfaktor, ob sich da jemand erbarmt?

Ich stimme Gurke zu, was die verdreckten Augen betrifft, vielleicht irgendetwas mit "trüb"? :-)

In jedem Fall: eine witzige Idee.

Liebe Grüße
leonie

Nicole

Beitragvon Nicole » 18.03.2008, 16:00

Hi Ladys, hi Jürgen,

ich muß intervenieren! Gerade die verdreckten Augen finde ich genial beobachtet ... Ich benutze den Begriff "dreckige Augen" in Gedanken recht oft ... Verlebt sind solche Augen, haben viel gesehen und schauen einen manchmal so an, daß man das Gefühl bekommt, sich waschen zu müssen.

Liebe Elsa,
ich weiß nicht mal, ob das LI rein oberflächlich betrachtet ein "ungewaschenes" ist ... Er fühlt sich einfach nur unsortiert, verknäult, "pflegebedürftig". Ich empfinde die Formulierungen von Sam als "von innen nach außen projeziert", nicht als reale Beschreibung des äußeren ...

Gruß, Nicole

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Beitragvon Elsa » 18.03.2008, 19:58

Liebe Nicole,

Ich fürchte, es betrifft innen uns außen, denn wenn man innen so down ist ...

Zumindest habe ich das so schon erlebt, dass dann nix mehr geht vor Verzweiflung.

Lieben Gruß
Elsa

PS:
Achja, ich mag die verdreckten Augen gern!
Schreiben ist atmen

Nicole

Beitragvon Nicole » 18.03.2008, 20:19

Hi Elsa,

ja, klar, das kann schon sein, daß man innen so down ist, daß es außen sichtbar ist.
Aber, ich berücksichtige die Kategorie "humorige und satirische Lyrik", deswegen denke ich, ist es "einfach" nur das Wehklagen eines vereinsamten Wolfes.... :-)

Nicole

P.S. ich werde jetzt ein Gedicht von mir (ja, ich versuche mich auch gelegentlich mal an sowas) ändern müssen ... Ich spreche da von Augen,..., dreckig und alt ... sonst schimpft Sam noch mit mir und bezichtigt mich des Abschreibens... :-) shit!
Zuletzt geändert von Nicole am 18.03.2008, 20:21, insgesamt 2-mal geändert.

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 18.03.2008, 20:20

Hallo,

erst wollte ich schreiben, dass das auch ein Frauengedicht sein kann, aber dann kam mir doch: So wie dieser Text das Innen am Außen erzählt,ja, das ist wohl doch eher ein männlicher Gestus (das Hängen lassen aber nicht). Ich genieße, dass der Text nichts von mir will, dass er keine Forderungen stellt, das macht seinen Humor aus (minimal vermisse ich den Anspruch, den ich insgeheim an Texte dieser lockeren Art haben: dass sie trotzdem "magisch" wirken, ohne dass man sagt: oh, das liegt an diesem oder jenem genialen Bild, das konnte Chiquita manchmal toll in seinen Texten). Andererseits hat der Text dadurch auch wieder etwas angenehm untypisches, auch wirkt er nicht wie eine im Nachinein colorierte Zeichnung. Auch liegt eine Art Geheimnis in dem Umstand, dass man sich nicht wirklich um das lyr. Ich sorgt, obwohl es durchaus Ernst ist.

Freuen tut mich auch die gekonnt hervorgerufene Betonung der ersten Zeile:ich fühle mich unumsorgt! dieses unumsorgt klingt schön&nörgelig&liebevoll, ernsthaft empört, ein feiner Auftakt mit bewusst eingessetzter Betonung! Das ist lustig!

Kleine Trotzdemfeinde:

solche Bezüge: die Lider - dahinter (ich komme selbst oft nicht drum herum sie zu gebrauchen) sind nicht die schönste, "grammatischste" Variante, wie ich finde. hinter ihnen? ~

An der Mitte verliert der Text für mich etwas an sprachlicher Qualität, meiner Meinung nach, weil der Text ab da versucht, ein Bild durchzuziehen, was dem Autor wohl ab dem "gebügelt" in den Sinn kam: eine Art arbeitslosen-haushalts-gartenmetapherverbensprache: vergammelnder Gedankenmüll, etwas gehört gemäht und Unkraut gezupft bis zum Gipfel des arbeitslosen Geschlechts.
Muss das so 1:1 durchgehalten werden? Ich finde die ersten Zeile einschließlich dem "gebügelt" sehr frei, unumwunden und realitätsnah. Danach wird es etwas "ich denke mir den Rest des Gedichtes jetzt aus, weil es bis hierhin zu kurz ist". Die an sich witzige Pointe zum Ende mit wieder toll vorbereitendem Rhythmus verliert so für mich etwas an Frische. Auch finde ich sie noch nicht perfekt formuliert, wirkt noch etwas umständlich. Vielleicht könnte der Text an diesen Stellen noch daz gewinnen.

Was bin ich froh, dass ich mir relativ sicher bin, dieses Gedicht nicht völlig missverstanden zu haben. Das gibt wiederum einen Pluspunkt :mrgreen: (@letzten Gedichtkommentar)

Liebe Grüße,
Lisa


PS: die dreckigen augen lese ist als eine Mischung aus: dreckig, weil sie sehen, was sie sehen, und verdreckt im Sinne von verklebt, vielleicht durch vorheriges Weinen, da verkleben/verdrecken die Augen schon manchmal, macht man sich nicht frisch / will/kann man es nicht, überhaupt wenn man morgens so liegen bleibt, wie man aufwacht, verdrecken die augen auf dauer schon nicht unerheblich .-). ch finde den Ausdruck daher treffend.
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

Nicole

Beitragvon Nicole » 18.03.2008, 20:30

@Lisa: wegen Deinen Augen/Lidern: von der Anatomie her betrachtet liegt das Auge unter dem Lid...

jondoy
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Beitragvon jondoy » 18.03.2008, 22:47

Es ist Zufall, dass ausgerechnet hier an dieser Stelle mein erster Kommentar fällt, der Titel (`Männergedicht`) hat mich gelockt...

PS: Die „Umgangsweise“ hier im Blauen Salon ist mir noch ziemlich suspekt, bin ihn nicht gewöhnt, ich nehme mir die Freiheit, die Anrede wegzulassen, es bedeutet allerdings keine Unfreundlichkeit meinerseits.

Die Beschreibung dieses `unumsorgt-Gefühls` ist sehr blütenreich, ich merke in Sams Text die spielerische Freude an der Umschreibung, und so was gefällt mir immer, für so was bin ich zu haben,

Wenn ich mich jedoch frage, wirkt das, was da umschrieben wird, echt auf mich, glaubwürdig, muss ich das verneinen.

In diesem Text wird das `verlassen-gefühl´ völlig auf das ´unumsorgt-gefühl´ reduziert, das stört mich, das nehm ich der Geschichte (die zumindest der Titel dem Leser aufs Auge drückt) nicht ab. So bleibt es halt eine nette Beschreibung eines (so metaphorisch la la la ausgedrückt) „Gegenstandes“, so wirkt er auf mich, wie ein „Gegenstand“, dieser Protagonist,

Ich finde, diesem Text fehlt noch was...eine zweite Richtung....ein brechender Ton,

Wenn er für die Person, die ihn verlassen hat, etwas empfindet, dann kann sich sein Gefühl unmöglich nur auf das ´sich unumsorgt fühlen´ begrenzen, da muss er noch mehr fühlen, Wut oder Hass oder Sehnsucht, irgendwas unterdrücktes, impulsives, wenn überhaupt, dann würd ich es wohlwollend am ehesten noch in eine Beschreibung eines `fortgeschrittenen Zustandes´ umdeuten, der vielleicht nach Tagen eintreten ist, durch die er in einen Zustand der Lethargie verfallen ist, in der die Sonne für ihn nur noch durch die Scheiben scheint, dass hat dann allerdings fast nichts mehr mit dem Text zu tun, und gar nichts mit dem, was die Marlene Geselle meint.

Die letzten Zeilen des Textes erinnern mich spontan an eine Zeile, die ich irgendwann mal in einem Buch gelesen hab, seine Frau war für ihn nur noch eine Kloschüssel, in die er sich bei Bedarf erleichterte.
Doch für diesen Slang wiederum ist der Text mindestens drei Noten zu
zahm.

jondoy


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