WORT DER WOCHE ~ auflesen ~

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birke
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Beitragvon birke » 29.12.2017, 15:40

WORT DER WOCHE

- jede Woche ein neues Wort als Musenkuss -
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~ auflesen ~
tu etwas mond an das, was du schreibst. (jules renard)

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Klara
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Beitragvon Klara » 30.12.2017, 10:33

30 Jahre Abi

Eigentlich will ich nicht hingehen, und eigentlich hat das Thema „auflesen“ mit einem Abitreffen nichts zu tun. Oder?

Da ist es wieder, jenes Wort, dem ich nicht widerstehen kann, obwohl ich um seine teuflische Redundanz weiß: EIGENTLICH. „Ent- oder weder“, würden meine Mutter und jeder Schreibberater sagen, „wirf das 'eigentlich' weg“. Doch Entweder-Oder gibt es weder beim Lesen noch beim Schreiben. Wer einmal gelernt hat, wie einfach aus 26 Buchstaben eine unendliche Zahl von Wörtern, Sätzen, Schreib- und Lesegelegenheiten wird, hat keine Wahl mehr – der MUSS lesen, wenn etwas geschrieben steht: jeden noch so vermüllten Unsinn an jeder noch so vollgeschmierten Wand. Die Buchstaben setzen sich auch bei dir, ob du willst oder nicht, in deinem Kopf zu Worten zusammen, die dich ablenken von den Worten, die du vielleicht EIGENTLICH denken (oder schreiben) wolltest. Solltest. Müsstest. Die Herrschaft des Lesens ist total. Bei mir hat sie, das kannst du leicht ausrechnen, vor über 40 Jahren begonnen. Seitdem bin ich Sklavin des unwillkürlichen Entzifferns. Früher noch begann eine andere Lese-Diktatur: die der Gesichter, der Gesten, der „Stimmungen“ anderer. Vermutlich begann ich – wie auch du, Lesendes – direkt nach der Geburt, die Zeichen der Zeit zu lesen. Ohne jene erste Lesefähigkeit wäre kein Wesen lebensfähig: Was sagt Mamas Gesicht? Was fordert Papas Hand? Wie lasse ich sie lesen, dass ich unbedingt berührt werden und etwas trinken muss? Lesen ist Hören. Hören ist Zuwendung. Schreiben ist Schreien.

Ich las. Las und spürte zu viel und dachte, das gehe wohl jedem so und falle immer wieder auf diesen Gedanken herein. Um all das Gelesene (die Stillnahrung für Abgestillte) zu verdauen, muss es als Geschriebenes wieder raus. Mit jedem Buchstaben, den ich schreibe, lerne ich zu überlesen, was nicht zu mir gehört.

Als Kind schrieb ich, um mich am selbst Verfassten lesend zu ergötzen. Fünf Freunde war okay, Als Hitler das rosa Kaninchen stahl auch, doch erst in den eigenen Geschichten taten die Buchstaben voll ihren, das heißt meinen Dienst, so stümperhaft er auch war und bleibt.

Diese Gebundenheit ans ABC lässt nicht nach, wird eher stärker mit den Jahren. Immer noch staune ich wie ein Kind, wie zwar diese 26 Kandidaten des Alphabets in sich je identisch bleiben, dass sie aber durch Kombinationen, immer neue Konstellationen, Gefühls- und Denklagen wandelbar sind wie nichts sonst. Aus uralter Zeit in die Zukunft geschickt, immer auf Reisen. Abgefahren! Für Zahlen – auch diese sind ja zu lesen – gilt das nur abgeschwächt; sie stehen einsilbig da und sagen Summen oder Unsummen aus. Auch sie sind wunder-wandelbar: Eine Eins ist etwas anderes mit einem Minus davor oder fünf Nullen dahinter, aber das scheint mir eher abstrakt abgefahren. Buchstaben sind konkret. In ihnen ist Geschmack, Geruch, Gewesen- und Geliebtsein eingewirkt. Sie ergeben Sinn. Auf sie fahre ich ab, fahre mit ihnen in meinem Leben Achterbahn, bis mir schlecht wird und wieder gut, nutze und benutze sie für die möglichen und unmöglichen Dinge, Anliegen, Lebenslagen: Sie sind Retter, Schild, Tür zur Wirklichkeit, Tor zur Flucht aus dieser, geben mir Antworten auf die Frage, wie es mir geht, was ich lassen sollte, was mir fehlt, was zu tun ist: Lesen. Ein Gedicht zum Beispiel. Oder ein Abitreffen.

Werde ich etwas erkennen? Jemanden? Entziffern? Mich selbst? Was ist aus uns geworden? Was haben wir aus uns „gemacht“? Ein Jahrgang Menschen, mit denen mich außer ein paar schwierigen Erinnerungen nicht viel verbindet. Sehen und gesehen werden: älter, dicker, verlassen oder frisch verliebt, mit Kindern oder ohne, Karriere oder nicht. Auf Visitenkarten lesend, was eine geschafft hat – und nichts von all dem, das nicht gelang. Eine, die ich bin, hat eine Narbe an der Schläfe, und das ist nur die sichtbare. Eine, die ich bin, war damals schon komisch, sie ist es geblieben. Und trotzdem „beliebt“. Merkwürdiges Wort, „beliebt“, das schreibe ich so dahin, lese es und stutze. Bin ich beliebt? Was bedeutet das?

Beliebt es dir, dies zu entziffern? Wer wird es außer dir lesen? Eine Nachfahrin? Ein reizendes Wort: „Nachfahrin“. Sie fährt mir nach, doch wohin fahren wir, ich voraus? In den Tod, aber was heißt das? Leicht dahin geschrieben, „Tod“, noch leichter als „Leben“. Wir fahren ins Leben, ich voraus, mitlesend und schreibend, was mir zustößt, was ich mir zustoßen lasse. Und der Tod wäre womöglich eine der unlesbaren „Tatsachen“ im Leben.

Lesend bringe ich mich fort aus mir. Schreibend führe ich mich zurück, hier hin, damit du liest, bevor meine Nachfahrin liest. Damals, als Kind, schrieb ich nicht, um gelesen zu werden. Meine Geschichten, die ich nach ein paar Tagen neu las, sie und mich wiederfindend, waren eine Überraschung, ein Geschenk an mich selbst. Heute will ich gelesen werden und fürchte mich zugleich davor. Ich brauche das Lesen, um die Unzugehörigkeit auszuhalten: Lesen gehört sich nicht, Schreiben noch weniger. Ich brauche meine unzugehörige Zugehörigkeit. Die suche ich, versuche ich auf den Umwegen Lesen – Schreiben – Gelesenwerden. Ohne je zu wissen: Was kommt an, „da draußen“? Bei dir? Was liest du? Mich? Dich selbst? In jedem Fall liest du Buchstaben, die ich aneinandergereiht habe, um einen Sinn zu ergeben, (und dieses „um zu“ ist absichtlich ein „um zu“ und nicht ein „damit“, denn so vermessen ist das mit den Buchstaben: maßlose, nie endende Sinngebung, Selbstüberhebung in Demut...). Jeder Akt des Lesens nötigt mich: „Suche den Sinn!“ Wenn keiner zu finden ist, oder nichts als triste Redundanz, schüttelt es mich vor Ekel wie einst als Abiturientin: Dann könnte ich kotzen.

Ich lese Fetzen dessen, was ich damals geschrieben habe: von einem Mädchen, das auf der Schreibmaschine tippte und nicht wusste, was es tat, nur wusste, dass es nicht anders konnte. Lese seine Verse in einem der vielen Ordner, die ich noch nicht weggeworfen habe. Das Blatt ist eingerissen, mit Akkorden und Kaffeeflecken bedeckt. Die Jugendliche las wie der Teufel, war Spionin und Polizistin und schrieb – Verräterin! – alles auf. Versteckt hat sie sich zwischen Buchdeckeln und machte aus der Wirklichkeit ein Abenteuerspiel. Vielleicht hat sie mir damit das Lesen gerettet. Ich lese ihr kitschiges Zeug. „Kitschiges Zeug“ – warum schreibe ich das?

Bin ich ihm treu geblieben, dem Mädchen, das sich weigerte, das Leben in den Dreck zu ziehen? Es wollte Schriftstellerin werden, Bäuerin, Schauspielerin, Ehefrau, Liedermacherin, Mutter. Es wollte mager sein und groß und begehrt und in Ruhe gelassen. Auf keinen Fall wollte es ich sein. Also las es. Ich lese, wie es Buchstaben formte aus seinem Leseleben. Es kannte den Duft des Scheiterns: „Was ich schreibe (Ja, jetzt grade!): Es sind Jugendsünden. / die mich, wenn ich reif bin, älter, später nur empör‘n. / Voll von wehmütiger Nachsicht werd‘ ich über Jugend lachen, / die, so weit zurück, nur mangelhaft in Wörtern spricht.“

Wider Willen bin ich gerührt von seinen Liedfetzen, denn im Grunde wusste es, dass das nicht stimmte – wie konnte es das wissen?! – , und ich weiß noch genau, wie das Mädchen da saß, auf dem Boden seines gedankenvollen Zimmers, die Gitarre im Schoß, und widerlegt werden wollte. Gelesen?

Ich bin verblüfft, wie viel das Mädchen von mir wusste. Es schämte sich für jede Zeile, die es las und schrieb. In seinem Zimmer sang es laut und hoffte, es werde irgendwann aufhören, wenn niemand hörte, wenn keiner es läse, denn EIGENTLICH mochte es sich nicht leiden. Es las zu viel, lebte in steter Angst, enttarnt zu werden, entlarvt – als was?

Seine Angst: gelesen zu werden, nehme ich mit zum Abitreffen, um sie in den Augen der andern zu lesen. Was wir alles voneinander gedacht haben! Was wir ineinander hinein- und auseinander herauslasen! All das Unausgesprochene zehrt von mir, all die unleserlichen Notizen, die stauben, dass ich weinen möchte für das Kind, das ich war, ohne über dessen Tränen zu verfügen.

Unsere Augen, seine und meine, machen ohnehin, was sie wollen, seit sie mit uns geboren wurden. Sie lesen und lesen und lesen. Wir haben Leseaugen, Leseohren, Leseherzen. „Ein Drang treibt sie und peitscht sie nach vorn.“ Und ein Kind hält das alles zusammen. Ein lesendes Kind. Bis es ihm das Herz zerriss, trug es verschiedene Strümpfe. Dann ist es verschwunden. Später kam jemand wieder, genau um die Ecke, aber das Mädchen war es nicht, sondern ich, wie man sagt. Eine, die vor 30 Jahren Abitur gemacht hat und sich seitdem aus Buchstaben ein Leben liest. „Trotzig hoffend, es nimmt nicht die Sicht.“ Die auf Geschichten kaut, auf knittrigen Zetteln, die im Gespräch zappeln. Beim Abitreffen schiebe ich sie in die Wagentasche, verschlucke mich, lache und huste und höre Gesundheit – Gesundheit! – oder Schweigen. (In jener Kneipe in der Nähe der Schule, die es tatsächlich immer noch gibt.) Beim Lesen all der Geschichten, die ein Leben ausmachen, kaue ich, (manche haben ganze Schultage darin verbracht, geschwänzte Stunden), und staune, wie egozentrisch ich war und immer noch bin: als ginge es nur darum zu lesen, mein Gott!

Ich kaue diese alte Welt und suche die Verfügungsgewalt über mein Lesen. Doch ich finde nichts als einen werdend gewordenen Menschen, eine Kreatur, ein Tier, das lesen kann, hypertaktisch einsam, hypotaktisch schutzbedürftig. Ich lese die eingefrorenen Buchstaben von einst, mit steifen Knien um Vergebung bettelnd für eine Schuld, die ich bis heute nicht entziffere.
Bewaffnet mit diesen Buchstaben aufgelesen aus verschiedenen Texten, gehe ich zum Abitreffen. Für diesen Text.

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