In meiner Erinnerung

Der Publicus ist die Präsentationsplattform des Salons. Hier können Texte eingestellt werden, bei denen es den Autoren nicht um Textarbeit geht. Entsprechend sind hier besonders Kommentare und Diskussionen erwünscht, die über bloßes Lob oder reine Ablehnungsbekundung hinausgehen. Das Schildern von Leseeindrücken, Aufzeigen von Interpretationsansätzen, kurz Kommentare mit Rezensionscharakter verleihen dem Publicus erst seinen Gehalt
Benutzeravatar
Sofia
Beiträge: 98
Registriert: 28.10.2017
Geschlecht:

Beitragvon Sofia » 30.07.2018, 13:57

In meiner Erinnerung streift ein Reh
zarte Blüte und nichts als
Grün ist
gesprenkelt im Licht

Benutzeravatar
Pjotr
Beiträge: 5826
Registriert: 21.05.2006

Beitragvon Pjotr » 20.10.2018, 04:13

Es ist mir fast unmöglich, meinen Leseeindruck zu beschreiben, weil das einer jener Texte ist, die alles zu sagende bereits aus sich heraus mitteilen. Ich versuche trotzdem, ein bisschen auszuschweifen: Ich habe keinen Eindruck; ich habe Eindrücke. Es ist kein Bild; es ist ein Film. Er beginnt dunkel. Dunkel deshalb, weil der Erinnerungsbegriff automatisch eine Vignettierung auf meine Kopfleinwand wirft. Man spricht ja manchmal auch von "ich kann mich dunkel erinnern", niemals aber von heller Erinnerung, glaube ich. Der Film beginnt also dunkel. Ich erwähne diese im Erinnerungsbegriff implizierte Lichtschwäche, weil das der Ankerpunkt des nun folgenden Spannungsbogens sein wird. Das Bild wird zum Bewegtbild, als das Reh in die Szene schreitet. Ich denke intuitiv an dunkle Rehaugen, an etwas junges, weil Rehe in jedem Alter jung aussehen. Damit kommt ein zweites Zeitelement ins Spiel. Zuerst das Erinnerungselement, dann das Ewigkeitselement, in der sich das Reh geradezu -- hoffentlich klingt das jetzt nicht kitschig -- wie eine Biene verhält: Ohne es bewusst zu wollen, bestäubt es durch sein Herumstreifen die Blüten. (Es ist kein Kitsch; der Bienenvergleich habe ich erwähnt, nicht der Text.) Die Blüten werden als zart beschrieben; diese Zartheit im Film existiert schon davor in der streifenden Tätigkeit des Rehs, denn Streifendes empfinde ich als etwas zärtliches. Da ist ein zartes Wort zwischen Reh und Blüte. Ja, und nun wirds heller. Fruchtbarer. Es werde Grün. Aber kein Fächengrün. Wenn ich das Wort Licht lese, ohne Adjektiv, dann lese ich weißes Licht. Das ist der Hintergrund im Finale. Darüber grüne Sprenkel. Ich will es nicht Feuerwerk nennen; ich verabscheue Feuerwerkskrach und -rauch. Ich suche ein Bildwort, das so einem feurigen Werk ähnelt, aber dabei nicht kracht und stinkt, sondern zart in die Welt spritzt, und dabei fruchtet anstatt zerstört. Und genau dieser Vorgang erzeugt dieser Text, mit lapidarer, sanfter Wucht. In viel weniger Wörtern, als in meiner Ausschweifung hier.

jondoy
Beiträge: 1352
Registriert: 28.02.2008

Beitragvon jondoy » 22.10.2018, 21:26

An dieses Wortgemälde kann ich mich erinnern. Hab es vor Monaten gelesen. Es liest sich, als wenn Zeilen darin ihre Plätze getauscht hätten. Eine ruhige Erinnerung. Eine gesprenkelte Erinnerung würde sich vor einem Reh ins Grün legen.
Eine zarte Blüte ist nichts als Grün. Die hier taucht durch die Wiese, leise wie ein Hai. Wir sollten sie nicht stören.
Diese Erinnerung spielt mit uns. Chopin.

Benutzeravatar
birke
Beiträge: 3452
Registriert: 19.05.2012
Geschlecht:

Beitragvon birke » 22.10.2018, 22:50

unglaublich sanft. schön :)
tu etwas mond an das, was du schreibst. (jules renard)

https://versspruenge.wordpress.com/


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste