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was noch zu sagen wäre

Verfasst: 28.10.2009, 11:59
von scarlett
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Verfasst: 29.10.2009, 17:15
von fenestra
"Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette" textete Reinhard Mey und spontan denkt manch einer vielleicht an dieses Lied beim Titel von Scarletts Gedicht. Aber schon bei der ersten Zeile ist selbst die Wärme des glimmenden Zigarettenstummels verschwunden. "Kaltmond" ist ein Wort, das bei mir sofort ein Bild erzeugt, der Vollmond mit einem großen Hof - es gibt Frost!

Und nun folgt eine so noch nicht gehörte Umschreibung für das unaufhaltsame Auskühle der Landschaft (und mithin auch uns) in einer Vollmondnach: gewendet wird die Nacht, angetrieben vom Vollmond wie von einem Rad - so sehe ich es vor mir und mir fröstelt. Auch Worte können wohl einfrieren und dadurch Wort halten. Auch ein interessanter Gedanke.

Ein kleiner Text voll sehr fein blitzender Gedanken, knapp und gekonnt gehandhabt. Ein Starlett von Scarlett!

Verfasst: 05.11.2009, 23:03
von Albert
Befragungen eines Doppelpunktes

Ein Text, der seine Rätsel erst langsam preisgibt. Man scheint ganz leicht durchzukommen: Mond/Nacht, Traum, in denen dann Eisworte, aber dann auch schon wieder Tag. Vielleicht fällt einem auf, dass dies für ein Gedicht etwas mau scheint, vielleicht fragt man sich, ob die etwas impertinenten Wortspiele überhaupt Sinn ergeben: schlägt der Mond das Rad wie ein Pfau oder ist ein Purzelbaum gemeint, die Eisworte erblühen gleich Eisblumen, aber was ist das Fenster, kann etwas Ungesagtes Wort halten? Das sind vielleicht die Fragen, die man sich so stellt.

Oder einem fällt ein Doppelpunkt auf. Warum sind Titel und Text auf so eigentümliche Weise verknüpft? Ja, mehr noch: Ist es nicht verwunderlich, von dem Gedicht zu sagen, es wäre noch zu sagen - um dann das Gedicht zu formulieren?

Wie gesagt, Rätsel.

Man wird von dem erst einmal bieder erscheinendem Ambiente des Gedichts zurückweichen müssen, was auch nicht schwer fällt: Kein Kontext ist bereitet für dieses Nachtbild, niemand, der die Eisworte spricht, kein Ich, dem es fröstelt, reine Schau. Geht man einen Schritt zurück, schlägt einen zuerst ins Gesicht, dass man es mit einem Gedicht voller Worte über Worte zu tun hat: Titel und die drei letzten Zeilen (von sieben!) befassen sich mit "sagen" oder "Worten". Auffällig ist der Parallelismus von Titel und erster Zeile der zweiten "Strophe": "was noch zu sagen wäre" vs. "was nicht gesagt wird". Was nicht gesagt wird, wird verschwiegen - es steht im Raum, ist vielleicht allen bekannt, es wird nur eben - nicht gesagt. Was noch zu sagen wäre ist ähnlich präsent, wenn auch untergründiger - jemandem muss es erst einfallen, vielleicht als Fazit, es drängt sich auf - wird aber auch nicht gesagt.

Man versucht also zu verstehen: was noch zu sagen wäre - wird nicht gesagt, außer im Gedicht.
Natürlich liegt zunächst die Frage nah, wer denn nichts sagt, oder sagt, dass noch etwas zu sagen wäre. Wie gesagt, so reduziert der Text ist, so offen die Antwort auf diese Frage; für mich drängte sich unoriginellerweise aber eine intime Beziehung als projizierter Kontext auf. Folgt man dieser Deutung, fällt ziemlich viel in ein Bild zusammen: was noch zu sagen wäre - klingt dann wie das resignierte Seufzen eines Fazits, das sich selbst als viel zu spätes durchschaut; dies hat zwei Aspekte. Einmal geht es darum: was jetzt dran wäre, eine Abrechnung, eine Erklärung. Andererseits umfasst die Phrase aber auch: was man sagen müsste, hätte immer sagen sollen.

Es folgt das Nachtbild, fenestra hat ja die Bildkraft dieser Zeilen schon herausgearbeitet. Doch mit zwei Punkten bin ich nicht einverstanden. Sie beschreibt die "eisworte" als eingefrorene, was m.M. das Bild verkürzt. Eisblumen, darauf will das Wort ja hinaus, sind ja Blumen, die bei aller Perfektion tot sind - eine anorganische Spiegelung des Organischen (und hat die Sprache nicht auch etwas - "Urwüchsiges"?). Und sie hauchen sich geisterhaft an Scheiben, "erblühen" gespenstisch. Was auch immer in einer Beziehung solche Kälte mag entstehen zu lassen, es lässt die Worte nicht nur einfrieren: es sind andere Worte, gespenstische, als hätte sich nur deren Lautgestalt kristallisiert, ihre Bedeutung (und die kann ja auch heißen: Nähe, Wärme etc.) aber bliebe fern. (Ich sage das jetzt hier abseits, weil der Text mich letztlich überzeugt: Meiner Meinung nach fügt die "Traum-Zeile" dem Gedicht nur Schaden zu; im allerbesten Fall überlese ich sie; fraglich freilich, was man für sie einsetzen sollte)
Der zweite Punkt ist ihr In-Beziehung-Setzen von diesen Eisworten und dem "wort halten" aus den letzten Zeilen. Auch hier scheint mir die Sache wenigstens erläuterungsbedürftig. Wenn wir den zweiten Aspekt des Titels zugrunde legen und das Nachtbild inklusive Eisworten als resignatives Fazit lesen (aber im Sinne nicht einer Abrechnung, sondern als das, was man hätte sagen sollen), dann ist klar, dass hier über den Kontrast Tag-Nacht die Eisworte als Bedingungen der Tage zu lesen sind: sie halten Wort nicht qua Eiswort-Sein, sondern weil eben nicht gesagt wurde, dass sie Eisworte sind und wie sie entstanden.

Und nun das eigentliche Rätsel. Deutet man im Sinne einer Abrechnung, funktioniert der Doppelpunkt; was zu sagen wäre, ist das folgende, nämlich das Gedicht. Diese Deutung steht aber in einer Spannung zur "was nicht gesagt wird"-Zeile bzw. den beiden letzten Zeilen: denn wenn die Kälte der Eisworte sich bei Tag niederschlägt, weil gerade nicht gesagt wird, was noch zu sagen wäre, dann kann es sich dabei ja nicht um eine "Abrechnung" handeln. Vielmehr hält sich die Kälte durch, weil ein entsprechendes Sagen ein heilsames wäre (zweiter Aspekt oben), also eher "was zu sagen wäre", statt "was noch zu sagen wäre/bliebe".
Versucht man nun, das Gedicht daraufhin zu lesen, bekommt man allerdings Probleme mit dem Doppelpunkt. Denn wenn "was noch zu sagen wäre" analog zu "was nicht gesagt wird" bedeutet: was hätte gesagt werden sollen, dann wird es ja gerade im Gedicht gesagt, der Doppelpunkt funktioniert ja als Zitatanzeiger. Natürlich hätte man in einer entsprechenden Situation versuchen müssen, die dargestellten Probleme etc. zu thematisieren, versuchen müssen, die Eisworte wieder in richtige zu wandeln. Aber genau eine solche Lesart lässt der Doppelpunkt nicht zu, er insistiert darauf: was zu sagen wäre, ist: "ein kaltmond ...".

Ich biete zweierlei an: Einerseits, die Spannung nicht aufzulösen und einzugestehen, dass entsprechende Situation von derlei Ambivalenz tatsächlich geprägt sind. Es gibt nur noch den Blick auf den verzweifelten Weg in die Sprachlosigkeit, scheinbar keinen Ausweg mehr; und man bedauert, diesen Blick nicht artikulieren zu können (dies erfordert freilich, die Referenzbeziehung zwischen Titel und vorletzter Zeile hinreichend zu lockern, auf so kleinem Raum kein leichtes Unterfangen). Das einzige, was noch zu sagen wäre, wäre genau so etwas, aber, weil "es" eben nie gesagt wurde, wird es auch weiterhin nicht gesagt (nur das das zu sagen, jetzt auch nichts mehr nützen würde).
Andererseits ernst zu machen mit der Selbstbezüglichkeit des Textes. Natürlich brächte es nichts, sich in der beschriebenen Situation zu beschweren, denn wie gesagt, es erblühen nur Eisworte. Aber es sind ja nicht einfache Worte, die zu sagen wären, sondern: ein Gedicht. Wäre am Ende darin doch eine Hoffnung?
Unser Paradox war dies: was noch zu sagen wäre, schien allererst eine Abrechnung zu sein mit dem Erkalten allen Sinns. Doch wie könnte solch eine Abrechnung, die ja nie gesagt würde, Wort halten? Dies schien darauf zu verweisen, dass, was nicht gesagt wird, heilsam sein müsste: könnte man nur alles einmal ganz richtig darstellen, so müsste in diesem "ganz" schon eine Kraft bereit liegen, die Nacht zu verwinden. Doch freilich, was zu sagen wäre ist nach Auffassung der Sprechinstanz:
"ein kaltmond
schlägt sein rad um und um
gewendet wird die nacht
bis selbst im traume
nur eisworte erblühen"

Und wie viel Hoffnung liegt darin, dies so kalt darzustellen? Aber anders geht es eben nicht! Usw.

Ein rätselhafter Text, dessen Rätsel alle an zwei Punkten hängen.