Kein Ort. Nirgends. - Christa Wolf

Der Publicus ist die Präsentationsplattform des Salons. Hier können Texte eingestellt werden, bei denen es den Autoren nicht um Textarbeit geht. Entsprechend sind hier besonders Kommentare und Diskussionen erwünscht, die über bloßes Lob oder reine Ablehnungsbekundung hinausgehen. Das Schildern von Leseeindrücken, Aufzeigen von Interpretationsansätzen, kurz Kommentare mit Rezensionscharakter verleihen dem Publicus erst seinen Gehalt
scarlett

Beitragvon scarlett » 23.08.2012, 08:06

Verstecken ist aktiviert
Um diesen versteckten Text lesen zu können, mußt du registriert und angemeldet sein.

Benutzeravatar
allerleirauh
Beiträge: 762
Registriert: 26.06.2010
Geschlecht:

Beitragvon allerleirauh » 23.08.2012, 11:00

"Kein Ort. Nirgends" , 1979 im Aufbau-Verlag erschienen, erzählt von einer (fiktiven) Begegnung zwischen Karoline von Günderrode und Heinrich von Kleist im Rheingau. Die beiden Außenseiter, wie der Leser weiß, jeder auf seine Art der Zeit voraus und tragisch zum Scheitern verurteilt, unterhalten sich. Wie hinter Glas, wie in gedämpftem Licht, wie in einem Stummfilm, tauschen sie ihre Gedanken aus.
"Ja glauben Sie denn, sagt Kleist, wir könnten dem blinden Zufall, der unser Leben regiert, etwas Nenneswertes entgegensetzen!"

Der Text "Kein Ort. Nirgends - Christa Wolf" von Monika Kafka wagt eine Antwort. Man kann den Irrwegen und Verwerfungen eines Menschenlebens wenig entgegensetzen und bleibt, wie Kleist und die Günderrode, Suchender. Eine Heimat kann man, wie die beiden Protagonisten des Romans, in der Sprache finden. Bestenfalls.

Eingangs spielt der Text mit den Begriffen "Mehrheit" und "Minderheit" und ordnet das lyrische ICH bestimmten Kategorien zu - beziehungsweise spricht ihm die Zugehörigkeit zu bestimmten Kategorien ab.

Die Entgegnung des LyrICh fällt knapp aus. Drei Sätze, die um das Kernwort "Poesie" kreisen. Es ist möglich, in der Poesie eine Heimat zu finden. Als Poet oder als Leser von Poesie. Und: in der Poesie der Jahrhunderte trifft man sie immer wieder: die Heimatlosen, verzweifelt Suchenden.

Die Abschlusssätze des Textes könnten, auch unter der maßnehmenden (NICHT: anmaßenden) Überschrift für sich stehen. Sie haben Gewicht.
Die Eingangssätze erklären und erläutern, sind aber, mehr oder minder, verzichtbar.
Zuletzt geändert von allerleirauh am 23.08.2012, 19:10, insgesamt 3-mal geändert.

Gerda

Beitragvon Gerda » 23.08.2012, 14:47

Ob man das darf weiß ich nicht ... aber ich tu' s.

allerleirauh, du hast eine feine Replik verfasst.

Liebe Grüße
Gerda

Gerda

Beitragvon Gerda » 23.08.2012, 14:55

Durch allerleirauhs Kommentar bin ich der Lage, diesem Text inhaltlich mehr abzugewinnen, als ich es ohne sie gekonnt hätte. Der Beginn ist mir zu prosaisch, zu sehr auserzählt, vor dem Hintergrund historisch wechselhaften Geschehens, am Beispiel der Sprache aufgezeigt. Möglicherweise ist er in dieser Form tatsächlich obsolet.
Ich bin allerdings nicht sicher, ob dann die drei Verse tragen. Ich denke eher nein.
Ihnen sollte von der Form her etwas - die Essenz der Einleitung - voran gestellt werden, Zeilen, die das Thema eröffnen, damit auch der Brückeschlag zum Werke Wolfs nachvollzogen werden kann.
Zuletzt geändert von Gerda am 27.08.2012, 05:01, insgesamt 1-mal geändert.

Benutzeravatar
birke
Beiträge: 3364
Registriert: 19.05.2012
Geschlecht:

Beitragvon birke » 23.08.2012, 16:07

Ein vielschichtiger Text von Monika Kafka, dessen Titel, dessen Bezug zu Christa Wolfs "Kein Ort. Nirgends." ihm eine Tiefe verleiht, die sich auf den ersten Blick nicht ohne weiteres erschließt.
Aber gerade deshalb lohnt es sich einzutauchen!

Die Ausweglosigkeit der Situation, aufgrund seiner Sprachkompetenz (welch ein Paradoxon!), in Kombination mit der Herkunft, „nirgends“ zuzugehören, wird hier geschickt geschildert: Die Mehrheit und die Minderheit schließen nicht nur sich, sondern die Protagonistin, aus, bzw. schieben sie jeweils dem anderen zu.
Immer wieder als etwas „abgestempelt“, wird ihr gleichzeitig immer wieder etwas „ab- und zugesprochen“. Auffallend, dass zu Beginn die „Du-Form“ gewählt wird, dann die distanzierte „Sie-Form“.
Heimatlos, auf der Suche, vordergründig hin- und hergeschoben, hintergründig nicht erkannt als das, was sie ist: Ein Mensch, mit Gefühlen, mit Kompetenzen, mit Ideen, der einfach nur angenommen und verstanden werden will.
Hier kommt der Titel ins Spiel, die Erzählung über die nie stattgefundene Begegnung zwischen H. v. Kleist und K. v. Günderrode. Auch sie waren beide „anders“, fühlten sich nie zugehörig, waren immer auf der Suche, nach Anerkennung, nach Gleichgesinnten.

Genialer Schachzug zum Schluss:
Die Protag. sucht sich, wählt sich selbst eine Heimat, versucht es zumindest – die Poesie.
(Auch die beiden Protagonisten in Wolfs Erzählung haben ja ihre Heimat – wenn überhaupt – allenfalls in der Sprache gefunden.)
Die Setzung lässt hier ein Gedicht vermuten, das es aber nur scheinbar ist.
Auch hier findet die Protg. keine Zugehörigkeit (wohl aus ähnlichen Gründen wie zuvor beschrieben „… ist es nicht anders“); heißt, die Heimatlosigkeit bleibt bestehen: Kein Ort. Nirgends.
tu etwas mond an das, was du schreibst. (jules renard)

https://versspruenge.wordpress.com/

Sam

Beitragvon Sam » 24.08.2012, 18:24

Ich möchte, im Gegensatz zu allerleirauh, auf die Eingangssätze nicht verzichten. Zumal Monika Kafka dieses Absprechen der Zugehörigkeit aufgrund von Sprache schon in anderen Texten zum Thema hatte.

Nimmt man den Titel "kein ort. nirgends" und stellt unter ihn nur die letzten drei Zeilen, so entstünde eine Leerstelle, denn worauf sollte das "anders" der letzten Zeile verweisen.

Kein Ort. Nirgends. - das bezieht sich auch auf die Poesie. Sie mag Heimat sein, wie auch Rumänien oder Deutschland Heimat sein kann. Aber ist sie es auch für diejenige, die hier spricht? Ich bezweifle das.
Woran könnte das liegen? Man kann nur mutmaßen, aber wem aufgrund der Alltagssprache der Zutritt verwehrt wurde, der mag die Poesie als letztes Mittel ansehen, die ersehnte Zugehörigkeit zu erfahren. Ein solches Vorhaben aber kann nur scheitern, denn als Eintrittskarte taugt die Poesie nicht. Sie kann erst dann ein wirklicher Ort werden, wenn man einsieht, sie ist nur Selbstgespräch.

Als Trost bleibt die Erkenntnis, dass auch Selbstgespräche manchmal mehr als nur einen Zuhörer haben.

Benutzeravatar
Eule
Beiträge: 1939
Registriert: 16.04.2010

Beitragvon Eule » 09.09.2012, 09:24

Kein einfaches Buch, schon gar nicht in seinem 4.ten Rezensionsjahrzehnt (copyright 1979). Montagetechnik mit unvermittelten Perspektivenwechseln, Zeitbrüchen, Zitaten. Und dann dieser Titel, retrospektiv fast programmatisch klingend. Bei meinem Exemplar fehlt übrigens der Punkt hinter dem zweiten Titelteil. Ein Druckfehler ? Das kam dann auch so durch die Zensur, war wohl gar nicht so einfach, mit den rückwärtsgewandten, historischen Bezügen darin, die mit den politischen Tendenzen der Autorin wohl schon unbequem wirken mußten oder sollten.

Vielleicht ein Historienroman, aber einer, der für mich in seiner Fragmenthaftigkeit ohne vordergründige Idealisierungen daherkommt und doch jede Menge Denkanstöße bietet.
Ein Klang zum Sprachspiel.


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste