Tja 002

Der Publicus ist die Präsentationsplattform des Salons. Hier können Texte eingestellt werden, bei denen es den Autoren nicht um Textarbeit geht. Entsprechend sind hier besonders Kommentare und Diskussionen erwünscht, die über bloßes Lob oder reine Ablehnungsbekundung hinausgehen. Das Schildern von Leseeindrücken, Aufzeigen von Interpretationsansätzen, kurz Kommentare mit Rezensionscharakter verleihen dem Publicus erst seinen Gehalt
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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 12.08.2015, 08:51

Wiedergeburt ist vor der Geburt.

Gibt es Wiedergeburten? Keine Ahnung. Ich werde mich überraschen lassen.

Wobei ich, aus mathematischer Neugier, schon jetzt gerne wüsste, warum die Bevölkerungszahl wächst, obwohl auf jeden einzelnen Tod doch nur eine einzige Wiedergeburt folgen soll.

Vielleicht wächst die Zahl lediglich auf der Erde, während weitere Menschen anderswo existieren und dort immer weniger werden. So bliebe die Summe im Universum konstant.

Oder die Zahl umfasst nicht nur die Menschen, sondern alle Wesen; möglicherweise ist deren Anzahl auf der Erde selbst schon unveränderlich.

Wenn aber die Summe wächst, und ich an ein ewiges Kontinuum glauben will, anstatt an die Auflösung oder das ewige Abstellgleis, dann muss ich mich für eine Denkrichtung entscheiden: Entweder geschehen gelegentlich, neben Wiedergeburten, auch erstmalige Geburten -- frisch aus dem Nichts. Oder auf den Tod folgt nicht immer nur eine einzige Wiedergeburt, sondern manchmal folgen mehrere -- aus alten Rippen dünn geschnitten und wieder aufgedickt.

Man weiß es nicht sicher. Aber da ist noch ein anderes, viel wichtigeres Problem: Ich kann mich an ein früheres Dasein gar nicht erinnern.

Angenommen, ich wäre eine Wiedergeburt: Tröstete mich das? Was änderte das an meiner jetzigen geistigen Verfasssung? Mein ... wie soll ichs nennen ... vorgebürtiges Leben ... ist dermaßen gründlich aus meinem Gedächtnis gelöscht, abgetrennt von mir, abgeschnitten, wie jenes Nabelschnur-Ende mütterlichseits, das damals aus dem Paradiestor fluppte, wie ein letzter, schlaffer Wink eines grau-nassen Taschentuchs am Bahnhof. -- Ich schweife ab. -- Ja, Tor zum Paradies (oder Hölle, wenn man so will). Es heißt doch, nach dem Tod komme man ins Paradies, genauer gesagt, man stehe erst einmal vor dessen Tor, und da müsse man durch. Nein, falsch, das ist eine andere Geschichte: Ins Paradies gelange man nicht durch Wiedergeburt; da komme man über andere Wege hin, und dort bleibe man dann für immer abgestellt. -- Zurück zur Idee der Wiedergeburt: Jedenfalls kann ich mich an eine Vergangenheit vorseits des Schnitts nicht erinnern; was soll ich also aus dieser Idee gewinnen? Eine zerhackte Ewigkeit ist keine.

Nebenbei könnte man noch überlegen, ob das Wiederwerden tatsächlich eine Wieder-Geburt sei, oder eher eine Wieder-Zeugung. Wo beginne das Wiedersein? Beim Durchkriechen des Tores? Oder schon beim Verschmelzen zweier Zellen, beim Zellenkuss?

Egal. Worauf ich hauptsächlich hinaus will ist das:

Wir wissen, oder vermuten, dass die Welt sich ausstreckt in Raum und Zeit. Entlang der Zeit verteilen sich -- so der populärste Glaube -- die Lebensabschnitte eines Menschen.

Nun: Warum sollten sich diese Lebensabschnitte ausschließlich entlang der Zeit verteilen?

Stattdessen könnten sie sich im Raum verteilen, zur gleichen Zeit.

Wenn ich diese Idee aufgreife, folgen meine Lebensabschnitte nicht dem Lauf der Zeit, sondern mehrere meiner Abschnitte sind jetzt schon da! Nur eben nicht alle am selben Ort.

Ebenso wie die zeitlichen Abschnitte wissen die räumlichen nichts voneinander; sie sind getrennt.

Die Frage ist dann nicht, wann werde ich wiedergeboren, sondern wo sonst noch im Raum bin ich jetzt?

Wenn überhaupt. Denn wie auch immer: In meinem Gedächtnis steht nichts geschrieben über meine anderen Abschnitte, seien es vergangene, oder gegenwärtige andernorts.

Viel Unterschied ist das nicht.

Kurt
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Beitragvon Kurt » 13.08.2015, 20:33

Naja, schlechtes Karma, würde ich meinen; Alzheimer lässt grüßen. Aber von Wiedergeburt zu Wiedergeburt wirst du dich hoffentlich Stück für Stück von den Fesseln des Karmas befreien. Und dann wirst du ganz Geist sein, mein Sohn. Viel Erfolg auf deinem spirituellen Weg wünscht dir der Kurt, der bereits auf dem Rückweg zum Wurme ist.
:mrgreen:
LG
"Wir befinden uns stets mitten im Weltgeschehen, tun aber gerne
so, als hätten wir alles im Blick." (Kurt)

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nera
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Beitragvon nera » 13.08.2015, 21:54

isch sache nur: stringgggtheorie

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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 14.08.2015, 04:21

Das "Ich" in dem Text ist ja nur ein Text-Ich. Aber wie auch immer, ich persönlich fühle mich frei und losgelöst von der Nabelschnur des Karmas.

Stringtheorie. In einer früheren Version schrieb ich von "Dimensionen", vier an der Zahl, theoretisch und vermutlich. Augenblicklich sah ich voraus, dass, in Anbetracht von "4D", manche Leser Einspruch erheben werden und mit dem Schild winken werden auf dem steht "Stringtheorie" oder "11D" -- und damit eine Besprechung des Texts unnötig verkomplizieren würden. Daher versuchte ich, diese Hürde zu umschiffen und schrieb nur von "Raum und Zeit", und von "vermutlich". Ich denke, "Raum und Zeit" als Kategorien kann man immer noch mit der "Stringtheorie" vereinbaren.

Ich weiß, der Einwurf war humorvoll gemeint. Meine Erläuterung auch :-)


Ahoy

P., an die Schwärze glaubend

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Eule
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Beitragvon Eule » 16.08.2015, 09:14

Ah Aphorismen. Müsste man die einzeln kommentieren. Nein. Also ein Gesamteindruck: Nur die Setzung sieht aphoristisch aus: "Ganz interessante Gedanken zum Thema Wiedergeburt in aphoristischer Setzung". Gerne gelesen !
Ein Klang zum Sprachspiel.


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