Der Punktefuchser

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 15.12.2018, 16:57

Der Punktefuchser

(frei nach Elias Canetti - der Ohrenzeuge)

Als der Punktefuchser fünf Jahre alt war, ist er mit einem Zollstock durch den Kindergarten gelaufen, hat jedes Kind vermessen und die Ergebnisse in einer Tabelle vermerkt; so wollte er jedem beweisen, dass er der Größte ist. Als Fritz um einen und Peter sogar um zwei Zentimeter länger war, da hat es ihm keine Ruhe gelassen: Jeden Tag vor dem Schlafengehen hat er sich eine halbe Stunde lang im Bett gereckt und jeden Morgen hat er nachgemessen, aber geholfen hat es nichts: Nach drei Monaten war er zwar etwas gewachsen, aber Fritz und Peter waren schneller.

Auch heute noch wird der Punktefuchser von allem angezogen, was ihn zu messen verspricht. Sich zu kennen ist schließlich wichtig, und was man selbst oder andere von einem halten, bekanntlich unzuverlässig. Fakten braucht der Mensch, am besten Zahlen, die wanken nicht, die schmeicheln nicht, die lügen nicht, da weiß man, was man hat.

Der Punktefuchser kennt sich gut, und kennt sich ständig besser. Heute ist er 4537 Schritte gelaufen, 10.000 sollten es werden, gestern hat er nur 8730 geschafft. Früher hätte er so etwas nicht gewußt. Mittels einschlägiger Literatur aus Bücherei, Bahnhofsbuchhandlung und dem örtlichen Zeitschriftenkiosk hat er herausgefunden, dass sein Fitness-Level bei 13 Punkten liegt, seine Führungskompetenz bei 70, sein Verantwortungsbewußtsein bei 25, sein Fun-Faktor bei 38, seine Morgenmuffeligkeit bei 9 und sein Sex-Appeal bei 16,8. Solche Erkenntnisse notiert er in einem dicken schwarzen Folianten, den er zu Hause in einer Vitrine aufbewahrt. Das geschieht freilich nur der Ordnung halber - vergessen hat er noch keine einzige davon, in jeder Lebenslage und jedem Gespräch stehen sie ihm bei. Man muss sich glücklich schätzen, in einer Zeit zu leben, in der man so viel über sich wissen kann.

Die größte Erfindung der Moderne, wenn nicht aller Zeiten aber, das steht für den Punktefuchser fest wie Granit, ist der Intelligenztest. Als er davon erfuhr, gab es für ihn kein Halten mehr: Immer und immer wieder hat er sich testen lassen, alle Psychologen des Landes hat er konsultiert, bis er alle Fragen auswendig wußte, und nun hat er es schwarz auf weiß, dass er ein Genie ist. Daran gibt es nichts zu rütteln, da mögen andere ihn für noch so einfältig halten, sie haben nur eine Meinung, er aber hat eine Zahl.

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 16.12.2018, 21:23

Wunderbar sind deine kleinen Texte! Danke fürs Zeigen!
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 17.12.2018, 17:42

Danke dir, liebe Ylvi!

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Eule
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Beitragvon Eule » 18.12.2018, 21:37

Känguruhguruggurrun? :eeks:
Ein Klang zum Sprachspiel.

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 19.12.2018, 10:52

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