Aphorismen von Jules Renard und de La Rochefoucauld, kommentiert

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Quoth
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Beitragvon Quoth » 07.04.2016, 17:25

Jules Renard hat geschrieben:Um zu arbeiten, warte ich, bis mein Thema an mir arbeitet. (1900)

Oft verschwende ich Stunden damit, einen Text erzwingen zu wollen, der mir trotz aller Anstrengung nicht gelingt. Dann aber fließt er mir plötzlich wie von alleine zu. Dabei kann es zu inhaltlichen Verschiebungen kommen, die ich in der Phase des absichtlichen Schreibens nie vorgenommen hätte, auf die ich auch gar nicht gekommen wäre. Mit dem Begriff "Inspiration" kann ich nicht viel anfangen. Aber Renards Formel leuchtet mir unmittelbar ein: Das Thema muss anfangen, an mir zu arbeiten. Diese Verselbständigung dessen, was man gestalten will, ist vielleicht das Schönste an der ganzen Schreiberei.



Zitiert nach Jules Renard: Das Leben wird überschätzt. Aus den Tagebüchern ausgewählt und übersetzt von Henning Ritter. Matthes & Seitz, Berlin 2015 und nach Jules Renard: Ideen in Tinte getaucht, Tagebuchaufzeichnungen, übersetzt und ausgewählt von Hanns Grössel, Winkler, München 1986
Zuletzt geändert von Quoth am 11.06.2019, 17:10, insgesamt 2-mal geändert.
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Beitragvon Pjotr » 09.09.2018, 22:41

Jules Renard hat geschrieben: Der beste Trumpf der bösartigen Dummheit der einen ist immer noch die großzügige Klugheit der anderen. (1902)

Da bin ich auch wieder bei ihm. "Der klügere gibt nach" darf keine Regel sein.

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birke
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Beitragvon birke » 09.09.2018, 22:54

huh, ja, da bin ich auch ganz bei ihm.
auch hier auf deutschland gerade ganz gut zutreffend...
tu etwas mond an das, was du schreibst. (jules renard)

https://versspruenge.wordpress.com/

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Beitragvon Quoth » 11.06.2019, 10:56

Da Kurt der Meinung ist, dass "die Welt" keine Aphorismen brauche, will ich hier mit dem Papst der Aphoristik fortfahren in der Hoffnung, Kurt zu bekehren. Denn mit "die Welt" meint er natürlich eigentlich sich selbst - wie sollte er wissen, was die Welt braucht und nicht braucht?

de La Rochefoucauld hat geschrieben:Es ist schwierig zu beurteilen, ob ein aufrichtiges und ehrliches Benehmen das Ergebnis der Anständigkeit oder der Berechnung ist.


Alle Tatsachen auf den Tisch legen - das ist oft die beste Methode, um Gegner zu entwaffnen und auf Kompromiss einzustimmen. Ein Meister dieses Verfahrens war Bismarck und er verdankte dem viele politische Erfolge. Er wollte nicht anständig sein, sondern verblüffen!
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Beitragvon Quoth » 12.06.2019, 15:51

de La Rochefoucauld hat geschrieben:Aus vollem Herzen loben wir für gewöhnlich nur die, die uns bewundern. Maxime 356


Diese Gegenseitigkeit von Akzeptanz ist eins der Fundamente des Forenbetriebs.







Zitiert aus La Rochefoucauld: "Maximen und Reflexionen", übersetzt von Jürgen von Stackelberg, Reclam
Zuletzt geändert von Quoth am 13.06.2019, 07:57, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Pjotr » 12.06.2019, 17:35

Erst neulich habe ich im Lehrer-Faden hier im Blauen auf diese herzliche Wechselwirkung hingewiesen. Wenn ein Lehrer seine Schüler nicht liebt (oder nicht bewundert, wenn man so sagen will), dann kann er auch nicht erwarten, selbst akzeptiert zu werden. Das gilt für alle Bühnenberufe. Sich auf die Bühne (vor die Tafel) zu stellen und nur sein Programm runterzuspulen, das ist bestenfalls Mittelmaß. Um zum Star, also Publikumsliebling, aufzusteigen, muss man sein Publikum lieben, oder zumindest eine Liebe perfekt schauspielern (gemäß der Berechnung). Ob im Klassenzimmer, Forum, Markt, oder sonstwo ...

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Beitragvon Quoth » 12.06.2019, 19:51

Hallo, Pjotr, Dein Vergleich des Lehrerberufs mit dem des Schauspielers ist ergiebig. Wie bei den Schauspielern gibt es auch bei den Lehrern welche, die man als "Rampensau" bezeichnen könnte!

de La Rochefoucauld hat geschrieben:Bescheidenheit, die Lob abzulehnen scheint, ist in Wahrheit nur ein Verlangen, raffinierteres Lob zu bekommen. Gestrichene Maxime 27


Was der Engländer "fishing for compliments" nennt.
Auch ein Verhalten, das ich in Foren oft beobachten konnte und manchmal auch selbst angewandt habe.
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Beitragvon Pjotr » 12.06.2019, 22:41

Das mit der Bescheidenheit -- teilweise trifft das zu, teilweise nicht. Rampenmeider (ich, zum Beispiel) wollen tatsächlich nicht zu sehr im Mittelpunkt stehen und richten im Fall einer Loblawine den Schweinwerfer lieber auf andere (auf nebenstehende Rampensäue). Diese echte Bescheidenheit kann machmal soweit gehen, dass sie den Lobenden beleidigt, da dieser mit seinem Lob ja gleichsam eine Liebe ausdrückt, die ihrerseits wieder mit einem lieben Dank belohnt werden will, der aber fehlt, denn man das Lob, also die Liebe, an sich vorbeilenkt -- selbst wenn die Umlenkung aus Bescheidenheit geschieht. Stellt man einen Heiratsantrag und wird dieser abgewiesen, so ist das ja auch dann schlimm, wenn die Abweisung aus Bescheidenheit erfolgt.

Ich las mal einen Aphorismus, vielleicht von Woody Allen oder einem anderen Autor, der ging ungefähr so:

"Kaum etwas verabscheut ein Künstler mehr als die aufdringliche Verehrung, die ihm entgegengebracht wird. Nur eines ist ihm noch mehr zuwider, das Ausbleiben der Verehrung." *

So ähnlich ...


Was bedeutet "Gestrichene Maxime"? Hatte de La Rochefoucauld später andere Ansichten?


* Habs gefunden. Kishon: https://www.gutzitiert.de/zitat_autor_e ... 12957.html

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Beitragvon Quoth » 13.06.2019, 13:30

Hallo Pjotr, wir wollen uns hier als bescheidene User eines langsam erlöschenden Forums nicht mit Printmedienstars vergleichen - aber natürlich gelten da dieselben Gesetze ...

"Gestrichene" sind die Maximen, die der Autor bei der Zweitauflage seines Werks rausgenommen hat - sei es, weil er nicht mehr mit ihnen zufrieden war, sei es, dass der Verleger den Gesamtumfang reduzieren wollte.

de La Rochefoucauld hat geschrieben: Leuten, die uns langweilen, verzeihen wir oft, aber die wir langweilen, denen können wir nicht verzeihen. Maxime 304


Er hat recht; aber warum ist das so?
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Beitragvon Pjotr » 13.06.2019, 15:15

Es hängt, denke ich, zunächst vom eigenen Charaktertyp ab, ob man überhaupt seinem gelangweilten Publikum nicht verzeiht, oder eher sich selbst nicht verzeiht ob des eigenen Unvermögens, kurzweilig zu wirken.

Ärgerlich ist es auf jeden Fall, wenn die erwünschte Unterhaltung nicht funktioniert.

Ein narzisstischer Unterhalter würde natürlich immer dem Publikum die Schuld geben.

Vom Grad des Narzissmus hängt auch ab, wie die Leistung anderer Unterhalter auf einen wirkt. Einem Narzissten ist es Recht, wenn andere ihr Publikum langweilen, so bleibt er im Rampenlicht. Nicht nur verzeihen tut er das, es erheitert ihn sogar, weil seine Konkurrenz schrumpft.

Ich habe den vorläufigen Eindruck, dass de La Rochefoucauld in seinen Aphorismen das Wort "wir" häufiger benutzt als Renard. Letzterer scheint lieber Ich-Fälle als Beispiele anzubieten, während ersterer gerne von sich auf alle schließt. Ich glaube, Renard konnte differenzierter sehen.

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Beitragvon Quoth » 13.06.2019, 20:57

Es ist ein einbeziehendes Wir, mit dem LR klar machen will, dass er hier nicht nur an anderen dies Verhalten beobachtet, sondern auch an sich selbst. Im Hintergrund steht natürlich auch das Bewusstsein, dass er einer gehobenen Bildungs- und Adelsschicht mit ähnliches Verhaltensweisen angehört, während Renard durch und durch ein individualistischer Bürgerlicher ist.
Der Herausgeber kommentiert diese Maxime: "Weil unser eigenes schlechtes Gewissen, unser Ärger über uns selbst sich auf die anderen projiziert." Mit Narzissmus triffst du es auch.

de La Rochefoucauld hat geschrieben:Die Eigenliebe ist die größte aller Schmeichlerinnen. Maxime 2


Auf sie führt LR fast alles menschliche Denken und Trachten, Tun und Fühlen zurück.
Zuletzt geändert von Quoth am 14.06.2019, 08:59, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Pjotr » 14.06.2019, 00:07

Kurze Zwischenfrage: Manche sagen, wer sich nicht selbst lieben kann, der kann auch nicht andere lieben. Stimmt das?

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Beitragvon Quoth » 14.06.2019, 09:39

Das ergibt sich aus der alt- und neutestamentarischen Gleichung: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Vgl. dazu den recht informativen Artikel "Nächstenliebe" in Wikipedia.
Aber die hier vorausgesetzte gesunde Selbstliebe (der Selbsterhaltungstrieb) ist nicht gleichzusetzen mit der schmeichlerischen Eigenliebe, die LR meint. Sie läuft auf eine Fülle raffinierter Selbsttäuschungen hinaus, "blendet den auf sich selbst gerichteten Blick und lässt dem Menschen sein Ich in vorteilhafterem Licht erscheinen ... Angenehm ist es nicht, die Selbsttäuschung abzubauen, denn was dahinter zutage tritt, will man nicht gern wahrhaben." (v. Stackelberg)

de La Rochefoucauld hat geschrieben: Eifersucht entsteht immer mit der Liebe zugleich, aber sie vergeht nicht immer mit ihr. Maxime 361


Was ist das für eine schreckliche Sklaverei - zu rasen vor liebloser Eifersucht!
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Beitragvon Pjotr » 14.06.2019, 10:53

Eifersucht ist ja skalierbar.

Sie fängt schon da an, wenn Person X nie einen Apfel geschenkt haben will, aber jetzt doch einen bekommen will, weil sie gerade sieht, wie Person Y gerade einen geschenkt bekommt. Die Angst, dass andere ohne Anstrengung mehr bekommen, als man selbst bekommt, obwohl man nicht wirklich mehr braucht. Neid eben. Reiche leiden oft darunter. Wenn man 100 Millionen hat, spielt Geld keine finanzielle Rolle mehr; es geht nur noch darum, das nächste Geschenk nicht zu verpassen, beziehungsweise, dem anderen nicht mehr Reichtum zu gönnen.

Bei der Eifersucht geht es vor allem um Besitz. Je mehr Liebe im Spiel ist, desto schlimmer die Sucht. Nicht Liebe im bewundernden Sinn, sondern im besitzenden Sinn. Also wenn einmal der Besitz vergeht, kann die Missgunst durchaus noch andauern; die Missgunst gegenüber den neuen Besitzern.

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Beitragvon birke » 14.06.2019, 12:37

was du beschreibst, pjotr, ist meiner ansicht nach eher neid - für mich sind eifersucht und neid ganz unterschiedliche dinge - während ich neid eher materiell sehe, geht es bei eifersucht mehr um gefühle, um menschen und ihre beziehung zueinander, um liebe.

was die eigenliebe angeht, die LR in seinen aphorismen anspricht:

de La Rochefoucauld hat geschrieben:
Die Eigenliebe ist die größte aller Schmeichlerinnen. Maxime 2


Quoth:
Auf sie führt LR fast alles menschliche Denken und Trachten, Tun und Fühlen zurück.


hm, ja, sicher gibt es das - genau so aber gibt es bei vielen menschen das genaue gegenteil, ein vermindertes bzw. nicht vorhandenes selbstwertgefühl, oftmals von anderen (eltern zb) eingeredet, dann für sich selbst übernommen.
ich denke, beides ist, wenn es extrem ist, schädlich, für einen selbst und auch für die mitmenschen. aber es gibt sicher noch viele menschen, die sich zwischen den extremen bewegen.

überhaupt behagt mir sein "wir" nicht so recht, renard formuliert subtiler, finde ich... nur ein eindruck. nichtsdestotrotz - interessant!

liebe grüße!
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