Ein Leben lang

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Kurt
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Beitragvon Kurt » 12.01.2020, 07:35

Ein Leben lang

dieses ewige Ringen
um Nahrung
der Kampf
gegen wuchernde Mietpreise
gegen die Rodung
der Regenwälder
die Überbevölkerung

und die Sehnsucht
nach Weltfrieden

erfüllten sich nicht

So wollte er
sich befreien
von seiner Körperlichkeit

die Verwundbarkeit
abschütteln
mit der alle Sorgen
davonflögen

Die Augen blickten
voller Zuversicht

„Endlich ein freier Geist“

und sein Lächeln
erstarrte
Zuletzt geändert von Kurt am 13.01.2020, 12:09, insgesamt 4-mal geändert.
"Wir befinden uns stets mitten im Weltgeschehen, tun aber gerne
so, als hätten wir alles im Blick." (Kurt)

Nifl
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Beitragvon Nifl » 12.01.2020, 14:56

Hallo Kurt.


Ein Leben lang

dieses ewige Ringen
um Nahrung
gegen wuchernde Mietpreise

gegen die Rodung
der Regenwälder
der Überbevölkerung

die Sehnsucht
nach Weltfrieden

Es waren alles unerfüllte
Wünsche geblieben

So wollte er sich
an seinem Achzigsten
überraschen mit etwas
was ihm immer unmöglich
erschienen war

sich endlich befreien
von der Körperlichkeit
ohne die alle Sorgen
davonfliegen würden

seine Herzschwäche
die Verwundbarkeit
kein Hunger
kein Durst mehr

Seine Augen schauten
mich weise aber
etwas verklärt an
dann verdrehten sie
sich gen Himmel

„Endlich ein Freigeist“

und in seinem Gesicht
ein Lächeln
erstarrte für immer



Wuchernde Mietpreise als körperlich zu bezeichnen, finde ich seltsam.

Der Tod als Geschenk zum 80sten Geburtstag. Hm.
Ja, kann sein, wenn er unheilbar krank oder
anderweitig extrem eingeschränkt ist, aber um den Mietpreisen zu entgehen?

Insgesamt habe ich das Gefühl, der Text kann sich nicht entscheiden, ob er lustig sein will, oder ernst genommen werden möchte. Auch der Duktus kommt recht betulich daher.

Die schwächste Strophe:


Seine Augen schauten
mich weise aber
etwas verklärt an
dann verdrehten sie
sich gen Himmel

da verdrehe ich die Augen bei dieser Behauptungsorgie.

Aber an sich ein starkes und wichtiges Thema, der selbstbestimmte Tod, der einem in Deutschland ja immer noch legal verwehrt bleibt. Kein leichter Stoff.

Grüße
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 12.01.2020, 15:38

Ich finde das Thema auch wichtig!

Die Umsetzung ist aber noch etwas sprachlich-umständlich. Ich würde deutlich kürzen!

(den Einstieg, bis "Weltfrieden", finde ich gut ... aber dann die "unerfüllten Wünsche", nee, das reißt mich heraus)

Kurt
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Beitragvon Kurt » 12.01.2020, 16:16

Danke Nifl, Amanita.

Habe mal umgeschrieben. Es geht ja final um eine Vergeistigung; der Tod tritt hierbei wie zufällig in Erscheinung. Oder wollt ihr mir weismachen, ihr wüsstet um jenen Bescheid. Ich jedenfalls nicht.

Es ist der Wunsch zum Achzigsten, seine Körperlichkeit zu verlieren, jene Sensorik, die seinen Geist gespeist hatte, hauptsächlich mit mühseligem aber auch freudigem Erleben. Der Körper will ernährt werden, will am warmen Ofen in einer gemütlichen Wohnung
sein, ist raumgreifend, kann vom Feind zerstört werden.

LG Kurt
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Amanita
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Beitragvon Amanita » 12.01.2020, 16:20

Ja, genau deshalb würde ich ja komprimieren und abstrahieren!

Kurt
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Beitragvon Kurt » 12.01.2020, 16:40

Ja, was?
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Amanita
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Beitragvon Amanita » 12.01.2020, 16:51

Alles nach "Weltfrieden".

Kurt
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Beitragvon Kurt » 12.01.2020, 17:15

Jo, okay, habs gerafft.

LG Kurt
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birke
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Beitragvon birke » 13.01.2020, 09:00

hallo kurt,
oh ja, ein wichtiges thema und dein text nähert sich dem schon gut an!
noch ein paar anmerkungen:

Kurt hat geschrieben:So wollte er sich
sich befreien
von seiner Körperlichkeit
ohne die alle Sorgen
davonfliegen würden


... würden sie nicht sogar (zusammen) "MIT der körperlichkeit" davon fliegen?

seine Verwundbarkeit
abschütteln
kein Hunger
kein Durst mehr


kein hunger, kein durst, könnten m. e. entfallen, unnötige erklärung?

Die Augen blickten
voller Zuversicht
verdrehten
sich gen Himmel


dieses "verdrehen" passt aus meiner sicht nicht besonders gut da hinein...es klingt für mich so dramatisch (bzw theatralisch), weil ich sofort das bild vor augen habe und das ist kein schönes... vielleicht einfach "die augen blickten voller zuversicht/ bevor sie sich schlossen"?

„Endlich ein freier Geist sein“

"sein" könnte m. e. gestrichen werden..

und in seinem Gesicht
ein Lächeln
erstarrte für immer


das lächeln ist wunderbar und wichtig für den text - aber "erstarren" klingt mir hier auch zu negativ - vielleicht
"und in seinem gesicht/ erscheint ein lächeln" oder "... ein lächeln/ bleibt" oder auch "erscheint seit langer zeit/ ein lächeln" -
naja, ist auch alles nicht so doll, oder vielleicht auch einfach kürzer (dass das lächeln auf seinem gesicht ist, ist ja eigentlich klar)

und sein lächeln
erstarrte

schau halt mal. :)

liebe grüße
birke
tu etwas mond an das, was du schreibst. (jules renard)

https://versspruenge.wordpress.com/

Kurt
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Beitragvon Kurt » 13.01.2020, 12:11

Liebe Birke, besten Dank für deine Befasse mit dem Text und deine Änderungsvorschläge, die ich alle übernehme.

„Blick in den Himmel“, da würde man wohl auch zu sehr an eine Anrufung des christlichen Gottes denken. Und das wollte ich ja vermeiden. Deshalb ist es gut den Himmel zu streichen.

Das erstarrte Lächeln am Ende ist ja wichtig, weil es zeigt, dass er seinen Körper verlassen hat. Ob er nun „Geistwesen“ wurde muss natürlich offen bleiben.

In meiner ersten Version, hat der Leser auch auf Sterbehilfe geschlossen. Das ist jetzt wohl raus. War nicht meine Absicht.

LG Kurt
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