Cthulhu-Zyklus, Episode 4.6: Gewaltfreie Kommunikation

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 04.10.2026, 19:16

Mit der Art, wie Cthulhu und ich Konflikte austragen, bin ich nicht immer ganz zufrieden. Ich habe regelmäßig das Gefühl, dass meine Bedürfnisse dabei nicht ausreichend gesehen und berücksichtigt werden.
Seit ich in Marshall Rosenbergs Buch von gewaltfreier Kommunikation gelesen habe, verstehe ich auch, warum: Schon meine Annahme, es handele sich bei Cthulhu um eine >böse< und >destruktive< Gottheit, stellt eine moralische Vorverurteilung dar, die es mir unmöglich macht, empathisch auf ihn einzugehen und so eine vertrauensvolle Basis für ein konstruktives Gespräch herzustellen. Ich habe daher beschlossen, mich im nächsten Gespräch mit ihm an die vier Stufen der gewaltfreien Kommunikation zu halten: Erst teilt man eine Beobachtung mit, dann ein Gefühl, dann das zugrundeliegende Bedürfnis -- und schließlich äußert man eine Bitte.

Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte.

Nun gut, denke ich mir, versuchen wir's. Ich wende mich an Cthulhu.

"Mir fällt auf," sage ich, "dass mein Arm bis zum Ellenbogen in deinem Maul steckt. Das macht mir Angst. Es ist mir wichtig, meinen Arm zu behalten, ich habe ja nur zwei davon. Daher möchte ich dich bitten, ihn loszulassen."

"Hmmm--- hmmm hmmmm," antwortet Cthulhu.

"Wie ich bemerke, sprichst Du gerade mit meinem Arm im Maul. Daher kann ich dich leider schlecht verstehen. Das macht mich traurig. Ich möchte gerne erfolgreich mit dir kommunizieren können. Bitte lass doch meinen Arm los."

"Ich kann auch mit dir reden, ohne den Mund zu bewegen", hallt Cthluhus Stimme in meinen Gedanken. Ich kriege sofort Kopfschmerzen. Die Tentakel bleiben unbewegt. Sie umklammern meinen Oberarm; ich muss an einen Menschen denken, der sich mit beiden Händen ein Subway-Sandwich in den Mund stopft.

"Mir wäre es lieber, wenn Du meinen Arm freigeben würdest anstatt meine Gedanken zu manipulieren," sage ich.

"Das denke ich mir," dröhnt es in mir. "darum hast Du mich ja auch gebeten. Nach Rosenberg besteht der Unterschied zwischen einer Bitte und einer Forderung aber darin, dass im Fall einer Bitte auch andere Formen akzeptiert werden, das zugrundeliegende Bedürfnis zu erfüllen. Dein Bedürfnis war die Verständigung. Und die haben wir ja jetzt."

Ich seufze. Es muss auch so gehen.

"Außerdem," fährt Cthulhu fort, "hast Du gesagt, dass dein Arm in meinem Maul sei, >mache< dir Angst. Damit schiebst Du mir die Verantwortung für deine Gefühle zu. Eine wesentliche Grundlage der gewaltfreien Kommunikation besteht darin, diese Verantwortung bei sich selbst zu lassen. Die Ursache deiner Angst ist nicht, dass ich deinen Arm im Maul habe, sondern dein Bedürfnis, ihn zu behalten."

Da hat er natürlich recht. "Entschuldige. Möchtest Du mal sagen, was Du brauchst?", frage ich.

"Ich spüre deutlich, dass Du mit deiner Hand weiterhin mein Essen festhältst. Das ärgert mich. Mir ist es wichtig, ungehindert schlucken zu können. Sei doch so freundlich und lass los."

Ich schaue Cthulhu überrascht an. "Hast Du gerade versucht, gewaltfrei mit mir zu kommunizieren?" So einen schnellen Erfolg hatte ich nicht erwartet. Ihn jetzt auf sein >Das ärgert mich< hinzuweisen, wäre da wohl kleinlich.

"Man kann es ja mal ausprobieren. Nach dem, was ich mir aus dem komischen Zeug, dass Du gerade gedacht hast, zusammenreimen konnte, kann man damit Leute dazu bringen, zu tun, was man will. Nicht, dass es mir dazu an Möglichkeiten mangelt, aber mehr geht immer. Gedankenkontrolle und Drohungen kosten mich schließlich wertvolle Energie und Konzentration."

Das Motiv hat noch Luft nach oben, denke ich mir. Aber immerhin hat er ein Bedürfnis kommuniziert. Damit kann man ja arbeiten.

"Ich verstehe, dass es dir wichtig ist, ungestört zu essen. Wie ich gesehen habe, hast Du dir als Mahlzeit heute den Stapel mit einhundertdrei unkorrigierten Semesterabschlussklausuren ausgesucht, der auf meinem Schreibtisch lag. Das macht mir Sorgen. Mir ist sehr daran gelegen, meine Arbeitsaufgaben zuverlässig zu erledigen." Ich überlege. Falsch ist das nicht, aber auch noch nicht die ganze Wahrheit. Ich spüre daher meinem Bedürfnis weiter nach. " ... meine Stelle zu behalten, hm..." Gar nicht so einfach. "Denn die ist das einzige, was meinem Alltag noch etwas Struktur gibt und mich mein Leben als sinnvoll empfinden lässt." Jetzt bin ich zufrieden. Das trifft es ganz gut. "Daher möchte ich dich bitten, mich die Klausuren wieder herausholen zu lassen und stattdessen etwas anderes zu essen." Dem Bedürfnis entgegen kommen, denke ich. "Ich habe gestern Chips gekauft, und im Kühlschrank haben wir noch Sandwiches." Pause. "Außerdem liegt im Garten eine von Katzen zerfleischte Krähe." Ich bin mir nicht sicher, ob das seinen Geschmack trifft. Aber man kann ja mal fragen. Vielleicht sucht er ja einfach etwas Abwechslung. "Und falls es dir um Papier geht," fällt mir noch ein, "könntest ich dir etwas geben, was ich ohnehin nicht mehr brauchen werde: Die Zeitung von gestern vielleicht. Oder...," ich schaue auf meinen Arm, "meine Rentenversicherungsunterlagen?"

"Mir fällt auf," kommt prompt die Antwort, "dass Du mir Lösungen anbietest, ohne dich zuvor nach meinen Bedürfnissen zu erkundigen. Ich glaube, so wird das nichts."

Mist, denke ich mir. Da hat er recht. Das steht so bei Rosenberg. "Das tut mir leid," entgegne ich. "Bitte teile mir doch mit, warum Du unbedingt die Klausuren fressen ... " Ich unterbreche mich. Gerade noch rechtzeitig. >Warum<-Fragen sind nach Rosenberg klare Wolfssprache. Das geht gar nicht. "Äh, ich meine: Was fehlt dir, was Du durch den Verzehr der Klausuren bekommen möchtest?"

"Du," antwortet Cthulhu.

"Ich?!"

"Ja. Du gehst Morgens um sieben aus dem Haus, kommst irgendwann Abends wieder, isst schnell etwas, arbeitest bis zehn weiter und gehst Du schlafen. Dann kann ich dir gerade noch für ein paar Stunden Alpträume verpassen, während Du mir die Ohren vollschnarchst, und weg bist Du wieder."

"Ich schnarche?" Ich beisse mir sofort auf die Zunge. Cthulhu bringt mir gerade Vertrauen entgegen, indem er offen seine Bedürfnisse äußert, und ich grätsche ihm dazwischen. Liebevoll und empathisch ist das nicht. "Sorry," murmele ich betreten. "Mach bitte weiter."

"Und am Wochenende ist es dasselbe. Du bist fast nie für mich da."

Naja, denke ich. Letzten Samstag bin ich mit Cthulhu zu >Körperwelten< gefahren, an dem davor in den Hamburger Dungeon. Den Abend haben wir neben einer Kirmes-Achterbahn gestanden, weil Cthulhu sich die Schreie der Fahrgäste anhören wollte. Und den Sonntag danach haben ich damit verbracht, Legostädte zu bauen, die Cthulhu dann einreißen konnte. Natürlich spreche ich nichts davon aus. Es wäre gewaltvoll, meinem Gegenüber seine Wahrnehmung abzuerkennen. Wir sind zu dem Bedürfnis vorgedrungen, das unserem Konflikt zugrunde liegt. Das ist ein großer Schritt. Jetzt geht es darum, meinem Gegenüber Verständnis zu signalisieren.

"Ich verstehe," sage ich, "dass Du mehr Zeit mit mir verbringen möchtest. Du bist enttäuscht, weil ich so viel arbeite. Die Klausuren zu fressen ist also Ausdruck deines Bedürfnisses nach mehr Interaktion und Nähe?"

"Genau," antwortet Cthulhu. "Du machst mir nur zweimal am Tag was zu essen, ich brauche jede Stunde mindestens eine Mahlzeit. Und beim Denken fehlst Du mir auch."

"Beim Denken?" Das überrascht mich jetzt doch. Leidet Cthulhu so sehr unter meiner Abwesenheit?

"Ja, beim Denken. Wenn Du dein Gehirn ständig für anderes Zeug benutzt, kann ich ja kaum noch damit arbeiten. Das ist ein Problem! So ein Weltuntergang ist ein erheblicher logistischer Aufwand!"

"Du übernimmst mein Gehirn, um damit den Weltuntergang zu planen?" Ich stutze. "Kommen daher meine Alpträume?"

"Mir fällt auf," sagt Cthluhu, "dass Du jetzt schon wieder über dich redest..." Weiter sagt er nichts. Muss er auch nicht. Ich merke es schon selber.

"Bitte entschuldige," sage ich. "Ich war schon wieder nicht aufmerksam. Danke dir für den Hinweis. Es geht darum, dass ich sehr viel Zeit mit meiner Arbeit verbringe und dass Du darunter leidest." Ich überlege. "Was hältst Du davon, wenn ich in Zukunft schon um 16:00 nach Hause komme und die Zeit bis Mitternacht dann auch wirklich dir allein gehört?"

"Das wäre ein Anfang," entgegnet Cthulhu, "auf den ich mich einlassen kann. Aber es fällt mir schwer, dir zu vertrauen. Ich bräuchte ein Zeichen, dass Du es wirklich ernst meinst. Etwas, was Du hier und jetzt tun kannst."

"Das verstehe ich. Hast Du einen Vorschlag?"

"Ich gebe deinen Arm frei und lasse dich die Klausuren herausholen."

"OK," sage ich. Das fängt gut an.

"Dafür wirfst Du sie dann sofort und ohne noch einen Blick darauf zu werfen in den Müll."

Irgendwie muss ich ihm entgegen kommen, denke ich. Vor allem, wenn man bedenkt, wie egoistisch und gewaltvoll ich in diesem Gespräch agiert habe, obwohl ich eigentlich etwas ganz anderes wollte.
"Einverstanden."

"Beeil dich," sagt Cthulhu. "Die Müllabfuhr kommt gleich."

Zehn Minuten später höre ich, wie draußen die Papiertonne geleert wird. Ich werfe einen Blick auf die Hämatome auf meinem Unterarm. Nichts wildes, denke ich. In ein paar Wochen ist das weg.

"Danke dir für dieses konstruktive und offene Gespräch," sage ich zu Cthulhu.

"Ja, hat super funktioniert." sagt Cthulhu. "Dauert aber etwas zu lange. Das nächste Mal werde ich dich doch lieber wieder bedrohen. Und jetzt hol mir diese Krähe."

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