Versumbrüche - Prosa in Lyrik

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Last

Beitragvon Last » 09.09.2016, 10:41

Versumbrüche
Prosa in Lyrik

Einzelne Sätze oder Absätze aus bekannter Prosa tragen oft einen markanten lyrischen Charakter. Befreien wir sie aus ihrem Kontext und schmücken sie mit Versumbrüchen! Dann entwickeln diese Sätze ein lyrisches Eigenleben.

Editorische Eingriffe beherbergen ja stets die Gefahr, durch sie von der Intention des Autors abzuweichen. Schon die Korrektur von Rechtschreibfehlern wird ebenso heiß diskutiert wie das Übertragen in zeitgemäße Grammatik. "Versumbrüche" laden ausdrücklich dazu ein, mit dieser Gefahr zu spielen. Und natürlich dazu, mindestens genau so heiß zu diskutieren.

In welcher Dosierung sind Eingriffe erlaubt? In der Medizin gilt hierzu die Faustregel: So wenig wie möglich, aber so viel wie nötig. Mit "Versumbrüche[n]" wird - das liegt in der Natur der Sache - die Menge des Giftes in eigenem Ermessen bestimmt. Jedes Rauschen sei gestattet, vom Genusstrinken über Drogenexzesse bis hin zur letalen Dosis.

Verstoßen wir gegen das Urheberrecht? Nein, da wir weder ganze Werke kopieren, noch einzelne Stellen daraus als unsere eigene verkaufen. Und selbstverständlich leisten wir durch unsere Art und Weise, einen Satz herauszustellen, einen eigenen künstlerischen Beitrag.
Ich bin mir aber unsicher, ob wir Autor und Werk nennen müssen, was uns leider der Möglichkeit berauben würde, mit der Bekanntgabe oder Nichtbekanntgabe Einfluss auf das neu entstehende Gedicht zu nehmen. Vielleicht weiß einer von euch genauer bescheid?
Zuletzt geändert von Last am 09.09.2016, 10:55, insgesamt 2-mal geändert.

Niko

Beitragvon Niko » 26.12.2016, 16:54

Die Liebe ist
langmütig und freundlich
die Liebe eifert
nicht die Liebe treibt
nicht Mutwillen
sie bläht sich nicht auf
sie verhält sich
nicht ungehörig
sie sucht nicht das Ihre
sie lässt sich nicht erbittern
sie rechnet
das Böse nicht zu

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Beitragvon Zefira » 10.02.2018, 00:44

1.

... Sie schrieb an ihre Schwester
in Bukarest:

Eine Bitte!
Du befindest dich doch
in unmittelbarer Nachbarschaft des Morgenlands.
Und dort soll es mächtige
Zauberer geben.

Könntest du nicht einem von
ihnen mit deiner berühmten
Verführungskunst auf den Leib
rücken und ihm die Zauberformel ab
listen durch die man sein Ichbewußt
sein los wird?

... so wäre mir radikal geholfen:
ich könnte einen jüdischen Fabrikanten
heiraten Kinder in die Welt
setzen Kuglerbonbons verzehren
Badereisen machen mit der
jeunesse doree flirten kurz

meine Ideale verwirklichen

Ich flehe dich an
Clarisse, such mir einen Zauberer
... und ich bin gerettet


2.

Einmal schilderte sie,
wie sie an einem See gebadet
und wie ein jäher Windstoß die Badehütte
samt Dach und Tür über ihrem Kopf
davongetragen

und, schloß sie,
ich stand nackt da

wie mich Gott
in seinem Zorn
geschaffen hat


Jakob Wassermann, Christian Wahnschaffe II
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

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Beitragvon Zefira » 13.05.2019, 19:51

War mir immer so
als sei zu der
Zeit, da ich in der Wiege lag

ein Weih zu mir gekommen
und habe mir den Mund mit seinem
Schwanz geöffnet

und mich dann mehrere Male
mit seinem
Schwanz auf die Lippen geschlagen


Den Weih zu beschreiben scheint
meine Bestimmung zu sein

Leonardo da Vinci, ca. 1505
Zuletzt geändert von Zefira am 13.05.2019, 21:49, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon Pjotr » 13.05.2019, 20:19

Was ist ein "Weih"? Ein Mann aus der Kirche? Oder ein Tier? Man munkelt ja, Leonardo sei schwul gewesen.

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Beitragvon Zefira » 13.05.2019, 21:48

Es geht um eine Gabelweihe, einen Rotmilan.
Freud hat um diese Kindheitserinnerung Leonardos eine umfangreiche tiefenpsychologische Theorie gestrickt, die leider nur begrenzt konsensfähig ist, weil Freud sich auf eine falsche Übersetzung stützte, in der statt von einem Rotmilan von einem "Geier" die Rede war.

Ich weiß nicht, warum der Rotmilan in meiner Biographie mit "der Weih" übersetzt wurde (statt "die Weihe"), vielleicht finde ich es noch heraus.

Rotmilane waren zu allen Zeiten um Vinci herum reichlich ansässig und als Kulturfolger recht frech; es ist bekannt, dass einige besonders unverschämte Exemplare buchstäblich das Essen vom Teller weg geklaut haben. Die Szene, an die sich Leonardo zu erinnern meint, kann sich durchaus so abgespielt haben.

Wir haben mehrere Rotmilane hier in unmittelbarer Umgebung, ich beobachte gern ihren Flug (eine Begeisterung, die ich mit Leonardo teile), höre auch ihre Rufe gern, aber so frech wie in Vinci sind sie hier nicht.

ps. Habe die Jahreszahl geändert, die Notiz stammt von 1505.

pps. Leonardos sexuelle Präferenz kommt vielleicht später in den Fokus. Im Moment liegt er noch in der Wiege und sieht den Weihen zu, und das Buch ist ziemlich dick. Kann dauern.
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

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Beitragvon Pjotr » 14.05.2019, 00:27

Zum Glück wars nicht der Weihnachtsmann mit seiner Rute.

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Beitragvon Zefira » 14.05.2019, 00:39

Ich werde dich auf dem Laufenden halten.
Von Leonardos Privatleben weiß ich derzeit nur, dass er und Michelangelo einander nicht recht grün waren; das ist nichts Neues. Eine ganz reizende Stilblüte am Rande ist eine Bemerkung, die Leonardo 1518, zwei Jahre vor seinem Tod, neben eine geometrische Darlegung geschrieben hat: "... et cetera perché la minestra si fredda". Er hat aufgehört zu schreiben, weil die Gemüsesuppe schon auf dem Tisch stand und kalt wurde.
Man kann die Handschrift online einsehen samt der Randbemerkung. Sie befindet sich in der British Library.
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