sand

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Werner
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Beitragvon Werner » 04.10.2019, 16:32

Jedes korn in der sanduhr des lebens ein traum. Sie rieseln langsam und beständig, nach jedem umdrehen des glases neu. Reiben sich aneinander, reiben sich ab, gegenseitig, nach jedem umdrehen des glases, langsam und beständig, jeder mensch ein korn. Und der sand ist der sand im getriebe der geschichte, ist der sand, auf den wir träume bauen, der sich abreibt nach jedem umdrehen des glases, ist treibsand, fließsand, der zerschwimmt unter dem druck der geschichte, die über ihn hinweg fließt, langsam, beständig, immer wieder neu, nach jedem umdrehen des glases.
Dies waren meine gedanken, als ich knietief im nassen sand stand, der unter den füßen zerrann. Ich stand bis zu den hüften im sand, stand im wasser, der sand wurde unter meinen füßen zu wasser, wurde wieder zu sand, je mehr ich strampelte und kämpfte, um mich zu befreien. Wasser und sand um mich herum. Was zunächst wie fester boden ausgesehen hatte, entpuppte sich mehr und mehr als flüssigkeit, als treibsand, fließsand, in den ich einbrach, in dem ich versank, in dem ich unterzugehen drohte.

Erich hatte uns damals am bahnhof abgeholt, es war schon dunkel gewesen. Er hatte uns mit dem alten wartburg zu dem dorf gebracht, wo die mutter meiner mutter geboren worden war, die aber nicht mehr gelebt hatte, die jahre vor meiner geburt gestorben war, und wo die urgroßmutter noch gelebt hatte, bei ihrer tochter Ella, der frau von Erich, der schwester meiner großmutter. Ella war eine nachzüglerin gewesen, nur zwei jahre älter als meine mutter. Großmutter, die in der nahen kleinstadt verheiratet gewesen war, hatte sich damals geschämt, dass ihre mutter mit Ella zur gleichen zeit schwanger gewesen war wie sie mit meinem onkel, dem älteren bruder von mutter. So hatte es mir mutter später einmal erzählt.
Es war ein sehr kleines dorf gewesen, 500 seelen hatten dort gelebt: eine ländliche gegend. Ich erinnere mich an das plumpsklo über dem hof.
Einmal war Ella mit uns auf besuch zu anderen verwandten gegan¬gen, zwei dörfer weiter in einen anderen landkreis. Unser aufenthaltsvisum hatte dort nicht mehr gegolten. Mutter und ella hatten deshalb angst gehabt. Das hätte schwierigkeiten geben können, hatte mutter später gesagt, wenn man ohne gültiges visum erwischt worden wäre. Man hatte sich immer und überall polizeilich zu melden, selbst wenn man bei verwandten übernachtete. Aber gottseidank war nichts passiert.
Und keine zehn jahre später — Erich war inzwischen gestorben, ein unfall, eine rauchvergiftung beim verbrennen von feuchtem holz im garten — hatte Ella, weil sie rentnerin gewesen war, frührentnerin, uns jedes jahr für ein paar wochen im westen besucht.

Die republik wuchs und zerschwamm wie der sand unter meinen füßen, der treibsand, fließsand war.

Rin in die kartoffeln, raus aus die kartoffeln! Fernsehantenne über die balkonbrüstung, fernsehantenne unter die balkonbrüstung! Heute hüh, morgen hott! So ähnlich könnte man den zustand und die entwicklung der republik beschreiben. Immer getreu dem alten motto der partei – und die hat ja bekanntlich immer recht! – und ihres großen vorsitzenden: den westen ein- und über-holen! Und was wir schon zu überholmannövern ansetzten. Aber im grunde genommen wurden wir bereits beim start abgehängt, das war ein glatter fehlstart, wir kamen einfach nicht aus den startlöchern. Auf der ersten geraden, der gegengeraden, sahen wir euch im westen nur noch ganz klein und von hinten. Und dann standen auf unserer bahn immer wieder hindernisse, hürden, während bei euch alles glatt, geebnet war, einer lief immer voraus und machte den weg frei. Inzwischen sind wir mehrfach überrundet.
Aber freut euch nicht zu früh, bis zum ziel ist es noch lang. Nicht, dass es euch am ende so geht wie dem hasen mit dem igel, dass wir schon dastehen im ziel, oder einer von uns, der sagt: bin schon da!
Reginald, lass doch den jungen in ruhe damit, das versteht der sowieso nich! Gell? Ihr im westen seid doch alle ein bisschen blöd, und wir hier sind die einz’schen gescheiten! Naldi, was mussde dem jungen immer die ohrn volljammern, mehr als fressen und scheißen können die da drüben ooch nich!
Darauf trinken wir erst mal einen, und spüln den ganzen sozialismus runter! Und dann trinken wa noch een, und spüln euern kapitalismus gleich hinterher!
Jetzt lang aber mal ordentlich zu, sonst sagsde drüben im westen noch, bei uns hier gibt’s nischt zu essen! Nimm nur kräftig viel, das sind grüne klöße! Gell, die macht dir deine mutter nich? Die is ja ooch schon zwanz’sch jahre weg von zuhaus. Wahrscheinlich würden die thüringer klöße mit euren schwäbischen, oh pardong, badischen kartoffeln sowieso nich gelingen. Ihr esst ja am liebsten spätzle oder maultaschen, und trinkt dazu sauren schprudel!
Ja liebes patentantchen, das werd ich daheim erzählen, wie ich hier verhungert bin und keinen sauren schprudel gekriegt habe.
Selters! Heißt das, selters! Nicht saurer schprudel!
Nu setz dich mal, Karin, und iss auch was mit, und lauf nich immer nur in der küche rum!
Die grünen klöße waren hervorragend gewesen. Keine hatte sie so gut wie Karin kochen können. Und dazu hatte es hasen gegeben, richtigen, keinen falschen. Naldi hatte ihn bei sich zu hause im vogtland extra für uns westbesuch organisiert. Es hatte auch gestimmt, dass meine mutter, seit sie rüber gemacht hatte, keine thüringer klöße mehr gekocht hatte. Aber sie war ohnehin keine begeisterte köchin gewesen und haushalt nicht ihr ding. Nur meine schwester hatte beim essen die nase gerümpft. So derbe kost war sie nicht gewöhnt gewesen.
Am nachmittag hatten wir alle zusammen einen bummel in die stadt gemacht und kaffee im interhotel getrunken, gegen westgeld, mutter hatte bezahlt.
Überall in der stadt waren spruchbänder mit politischen parolen aufgehängt, es war kurz vor dem ersten mai gewesen:
Kampftag der internationalen arbeiterklasse, für den aufbau des sozialismus, seite an seite mit dem sowjetischen brüdervolk, kampftag der befreiung vom faschismus, die werktätigen aller länder, die soundsovielte internationale, die jugend der welt, die fdj, veb, die partei, der staatsrat, das zk, die sed ... Und so weiter, und so weiter ... !
Da kann einem schon mal ein kloß im halse stecken bleiben, vielleicht ein echter thüringer, ein grüner ... Wie ihn der gute alte herr geheimrat (gott hab ihn selig!) Seinerzeit auch gegessen haben mag!
Lang leuchte der sozialismus, lang lebe die halde von ronneburg, wismut, missmut, mit mut! Solang noch ein kumpel einfährt in den schacht, solang bleibt die hoffnung, dass er auch wieder ausfährt, drunten bleibt nur das uran, das deutsch-sowjetische!

In Cottbus angekommen, fuhr ich sofort in mein hotel. Es war leicht zu finden, lag beim bahnhof, und außerdem hatte ich einen stadtplan.

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