Haikuform

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Kurt
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Beitragvon Kurt » 11.01.2020, 16:16

Vom Körperlichen
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Eule
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Beitragvon Eule » 13.01.2020, 19:25

Was ist daran haiku ?
Ein Klang zum Sprachspiel.

Kurt
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Beitragvon Kurt » 13.01.2020, 19:36

5 - 7 - 5
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birke
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Beitragvon birke » 13.01.2020, 20:37

... also, das ist glaub ich ein trugschluss, lieber kurt... dein text hat aus meiner sicht weder mit haiku noch mit einer haikuform zu tun. nicht die silbenzahl ist so sehr maßgebend für ein haiku, sondern vielmehr der inhalt. (momentaufnahme, natur) (denn die form lässt sich nur schwerlich ins deutsche übertragen, deshalb darf ein dt. haiku (gibt es so etwas überhaupt?) in der silbenanzahl durchaus variieren.) und letztlich kann man wohl hier auch form und inhalt nicht einfach voneinander lösen...?
lg
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Kurt
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Beitragvon Kurt » 13.01.2020, 21:40

Liebe Birke, ich weiß, wenn man in einer Kuchenform Gips anrührt, ist es eine Gipsform. Spaß. :oh:
Ich bin vor etlichen Jahren mal in ein Haikuforum geraten. Ich weiß, was ein Haiku ist. Lynchen wollten die Leute mich dort. Deswegen, nimms mir nicht übel, wenn ich dir antwortete: Es ist mir sowas von scheißegal … :DD: :x:

LG Kurt
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birke
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Beitragvon birke » 13.01.2020, 21:47

(aber warum dann "haikuform"?? dann nenn es doch anders... :) zb "kein haiku" - das hätte was ;)
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Eule
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Beitragvon Eule » 14.01.2020, 00:08

Ich bin da auch kein eingefleischter Formalist, Kreativität mag keine Bevormundung. Vielleicht reicht der Hinweis im Titel doch, wenn ich es langsam lese, bekommt der Text mehr Inhalt.
Ein Klang zum Sprachspiel.

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Beitragvon ZaunköniG » 09.02.2020, 18:24

Ob ein Haiku 5-7-5 Silben haben muss oder nicht, da haben sich schon andere gestritten, auch in Japan, aber wenn es so etwas wie eine Haiku-Form gibt, dann ist es das 5-7-5-Schema. Ja die Japanischen Lauteinheiten ähneln mehr griechischen Moren als deutschen Silben, aber griechische Versmaße wurden auch erst mit Erfolg adaptiert, als man sie den Eigenheiten der deutschen Sprache anglich.
Und zum Inhalt: Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass ein Haiku nur von Natur handeln darf. insbesondere gibt es in Japan eine lange Tradition von Todes-Haiku, berühmter letzter Worte sozusagen. Das kommt diesem doch inhaltlich schon recht nahe.

Liebe Grüße
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Beitragvon birke » 09.02.2020, 21:07

also, eine tradition des todeshaiku kenne ich tatsächlich gar nicht... interessant, muss ich mich mal "schlaumachen" :)
nur so viel noch, ein haiku sollte bezug zur gegenwart haben und konkret sein, eher nicht metaphorisch.
und von der starren form 5-7-5 ist man eigentlich eher etwas weg im deutschen. und: traditionelle haiku deuten tatsächlich eine jahreszeit an. aber ok, die thematik ist sicher auch dehnbarer geworden mit der zeit.
vielleicht ist deins doch ein haiku, kurt? ;) im weitesten sinne.
lg, birke
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Beitragvon ZaunköniG » 10.02.2020, 10:42

Hallo Birke,

auf Wikipedia gibt es einen knappen Artikel zum Todesgedicht, das eine lange Tradition in Japan und China hat. Bemerkenswert: Die Verwendung von Naturbildern als Metapher. Also von wegen alles unmittelbar...

https://de.wikipedia.org/wiki/Todesgedicht


Sehr konkret dagegen Verse wie diese:


Miyake Shozan
1718 - 1801 Japan


mijikayo ya
mada nure iro no
arai-gami


short night –
my washed hair holds
its wet colour


Nach der kurzen Nacht
hält mein gewaschenes Haar
seinen feuchten Glanz.


Takarai Kikaku
1661-1707 Japan

我らまで天下祭や山車ぐるま 
warera made tenkasai ya dashiguruma


we are all part
of the tenka festival -
these huge floats

Wir sind alle Teil
dieses Tenka-Festivals,
des großen Stromes.



Zwar könnte man aus der kurzen Nacht bei Shozan oder dm Teka-Festival die Jahreszeit schließen, aber diese Haiku zu Naturlyrik zu erklären wäre schon sehr grober Vorsatz. Häusliche Szenen ganz ohne Jahreszeitenbezug gibt es auch:

Shiba Sonome 斯波園女
1664 - 1726 Japan

衣更えわざと隣の子をだきに

koromogae waza to tonari no ko o daki ni


changing of the robes -
deliberately I go to the neighbour
to hold her child


Ich ziehe mich um
und gehe zur Nachbarin,
ihr Kind zu hüten.



oder die Klage über das Altern:


Enomoto Seifu-jo Kubota
1731/2 – 1814



雛の顔我是非なくも老にけり
hina no kao ware zehi naku mo oi ni keri



the faces of the dolls!
though I never intended to
I have grown old



Puppengesichter!
Was ich nie für möglich hielt:
Heute bin ich alt



oder philosophische Betrachtungen vom Godfather of Haiku himself:


Matsuo Bashō
1644 - 1694 Japan


kabitan mo tsukubawasekeri kimi ga haru


the Dutchmen, too,
kneel before His Lordship —
spring under His reign


Auch der Holländer
Kniet nieder vor seinem Herrn
Und springt auf Befehl.




Alle Beispiele aus der Edo-Zeit, in der sich das Haiku als eigenständige Gattung etabliert hat. Wir können wohl davon ausgehen, dass moderne und zeitgenössische Dichter eher noch freier mit dem Haiku umgehen.



Liebe Grüße
ZaunköniG
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Beitragvon ZaunköniG » 10.02.2020, 10:57

Kurt hat geschrieben:Liebe Birke, ich weiß, wenn man in einer Kuchenform Gips anrührt, ist es eine Gipsform. Spaß. :oh:
Ich bin vor etlichen Jahren mal in ein Haikuforum geraten. Ich weiß, was ein Haiku ist. Lynchen wollten die Leute mich dort. Deswegen, nimms mir nicht übel, wenn ich dir antwortete: Es ist mir sowas von scheißegal … :DD: :x:

LG Kurt



Lieber Kurt, überall wo es tradierte Formen gibt, dort gibt es Traditionalisten und Erneuerer.
Wenn Du einen dauerhaften Gugelhupf z.B. als Schaufensterdeko brauchst, spricht nichts dagegen in einer Kuchenform Gips anzurühren. Die Form nimmt auch den neuen Inhalt an, bzw. schmiegt sich der Gips der Form an, auch wenn die Form ursprünglich für anderes bestimmt war. Willst du deinen künstlichen Kuchen aber aus Holz oder Speckstein haben ist die Kuchenform nicht sehr hilfreich. Neue Ideen machen die Frage nach passender Form und Technik nicht obsolet.

Liebe Grüße
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Beitragvon birke » 10.02.2020, 11:23

oh, interessant, danke, zaunkönig!
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Beitragvon Pjotr » 10.02.2020, 18:41

short night –
my washed hair holds
its wet colour

Nach der kurzen Nacht
hält mein gewaschenes Haar
seinen feuchten Glanz.


Diese Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche finde ich schlimm. Ist die Quelle bekannt?

Die Silbenzahl ist toll getroffen. Aber der Inhalt ... uaaa.

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Beitragvon ZaunköniG » 11.02.2020, 09:43

Hallo Pjotr,

Die deutsche Fassung habe ich selbst aus der Hüfte geschossen. Es sollte ja an dieser Stelle nur um die thematische Bandbreite des Haiku gehen. "Kurze Nächte kann man natürlich verschieden interpretieren: Als kurze Dunkelheit im Sommer oder als kurze Schlafphase, weil man lange gearbeitet / gefeiert hat. Vielleicht steht die kurze Nacht erst bevor und wir sehen den Dichter wie er sich für den Abend zurechtmacht? Der Text ist sicher in verschiedene Richtungen deutbar.

LG ZaunköniG
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