gebet einer agnostikerin

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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birke
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Beitragvon birke » 07.04.2021, 22:22

.

ich schicke fragen
gen himmel und zur erde
an jeden vogel
zur ameise im gras
zum fisch im wasser
und bitte um gefühl
für jedes geschöpf
um verstand
dinge (sein) zu lassen
und dinge zu ändern
ich tauche in die weite des waldes
und finde kraft
in jedem baum
in dir in mir
für mich für dich für
jedes geschöpf
bitte ich um
sanftmut


.
tu etwas mond an das, was du schreibst. (jules renard)

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 08.04.2021, 10:30

Finde ich schön!

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birke
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Beitragvon birke » 08.04.2021, 11:22

das freut mich ganz besonders, danke dir!
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Epiklord
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Beitragvon Epiklord » 08.04.2021, 13:22

Ja, in dieses Gedicht und sein dargestelltes Erleben kann ich mich reinversetzen und mich solidarisieren. Das ist schön.

Für mich schwingt da auch immer etwas Göttliches mit. Will ich aber nun Gott danken für all die Vögelchen und Pflanzen usw., mit der wir beschenkt wurden, würde es natürlich leichter fallen, einen personifizierten Gottvater anzurufen als einen Konturlosen, an den ich glaube, nicht dass er konturlos wäre, aber mich mit meinem Menschenverstand und meiner Vorstellung übersteigt das Erkennen. Ich nehme lediglich etwas unsagbares Spirituelles von jenem Gott wahr. Ich hänge ja noch immer fest an meiner Kinderfrage: Wer hat Gott gemacht, und was war vor ihm. Denn ich kann nur so denken, dass von nichts nichts kommen kann. Und dennoch muss es so gewesen sein. Und dieser Gedanke hat mich lange Zeit bedrückt, weil ich mich dem gegenüber so hilflos und verloren vorkam, und die Welt so fremd bzw. was dahintersteht, so auch das vermutete erahnte Göttliche. Inzwischen freut es mich aber, dass wir Menschen soweit vom Göttlichen und dessen Wahrheit entfernt sind, und Gott für uns unerreichbar ist in unserer Vorstellung. Und wenn ich sterbe, so gehe ich vielleicht in eine göttliche geheimnisvolle Welt über, die ja ganz anders funktionieren dürfte, als unsere endliche Welt und deren Naturgesetze. Das lässt hoffen.

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birke
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Beitragvon birke » 08.04.2021, 14:49

freut mich, danke dir! interessante gedanken und fragen.
ja, ich finde in einigem durchaus "göttliches", in der natur, aber auch in der musik. für mich ist das etwas unbeschreibliches. :)
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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 08.04.2021, 20:32

Epiklord hat geschrieben:Denn ich kann nur so denken, dass von nichts nichts kommen kann.


Diesem Missverständnis unterliegt wohl jedes denkende Wesen eine Zeit lang. Ich habe auch ein paar Jahrzehnte gebraucht.

Es scheint nun aber doch so, dass jederzeit ein Etwas aus dem Nichts kommen kann. Das betrifft nicht nur das Universum.

Sondern das betrifft alles gerade jetzt, nachher und überall. Wasserrauschen, zum Beispiel. Das rauscht deshalb, weil des Wassers Einzelteilchen nicht ganz streng einer einzigen Regel folgen. Ohne Ursache geht das eine mal zufällig ein bisschen mehr nach links, das andere mehr nach oben, und so weiter -- obwohl alles zusammen aus der Entfernung ziemlich geregelt aussieht.

Die Regel enthält also eine Prise Chaos. Ohne dieses Chaos entstünde kein Rauschen, nirgendwo, weder am Meer noch im Radio, noch im Blumenbeet. Statt Rauschen würden wir einen Chor hören, auf der Wiese ein Strickmuster sehen. Das tun wir aber nicht. Es rauscht. Ständig geschieht im Allerkleinsten etwas unerwartetes, aus dem Nichts. Würde man all diese winzigen Zufälle unterdrücken, würde sich kein Leben entfalten, und auch der allmächtige Gott verlöre seinen Spielraum.
Zuletzt geändert von Pjotr am 09.04.2021, 03:21, insgesamt 1-mal geändert.

Epiklord
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Beitragvon Epiklord » 08.04.2021, 21:01

Göttlich der, der sich vorstellen kann, dass aus nichts was kommt, und wenns nur ein Etwas ist. Eine Kausalität meine ich nicht. Ich meine nur die alte Frage der Philosophie: Warum ist etwas und vielmehr nichts. Es muss wohl aus Nichts gekommen sein, aber vorstellen kann ich mir dies nicht oder denken. Es ist jenseits unserer endlichen Welt und ihrer Vorgänge, auch wenn du es als Missverständnis bezeichnest.

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Pjotr
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Beitragvon Pjotr » 08.04.2021, 21:56

Epiklord hat geschrieben:Eine Kausalität meine ich nicht. Ich meine nur die alte Frage der Philosophie: Warum ist etwas und vielmehr nichts. Es muss wohl aus Nichts gekommen sein ...


Wenn Du schreibst: "Es muss wohl aus Nichts gekommen sein", dann meinst Du durchaus die Kausalität.

Unser angeborenes Verständnis der Kausalität ist von großem Nutzen im Alltag. Ich lerne, dass ein Hammerschlag auf meinen Finger weh tut. Ursache und Wirkung. Dazu kommt unsere verständliche Verallgemeinerung: Wenn das mir weh tut, tut das meinem Verständnis nach auch dem Affen weh. Das sind nützliche Gedanken.

Verallgemeinerungen sind aber dennoch nur Spekulation, und totale Verallgemeinerungen können zudem böse enden. Jene Verallgemeinerung, die Kausalität selbst herrsche ständig und überall, halte ich ebenfalls für bloße Spekulation, um nicht zu sagen: Für eine widerlegte These. Im Doppelspalt-Experiment kann ich mit meinen eigenen Augen das Gegenteil beobachten.

Man muss dazu nicht in die Quantenphysik gehen. Schon Kant hat das Missverständnis, alles müsse kausal sein, aufgeknotet.

aram
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Beitragvon aram » 08.04.2021, 22:36

..und genau so ist es mit unseren konzepten von raum und zeit, die in die vorstellung von "ursache und wirkung" ja bereits eingewoben sind - interessanterweise haben wir wenig probleme uns theoretisch vorzustellen, dass es vielleicht irgendwann mal einen leeren raum in der zeit gegeben haben könnte ("vor der schöpfung"), obwohl genau das absurd ist - es zeigt, wie sehr wir vorstellungstechnisch von unserer irdischen erfahrungswelt ausgehen.

Epiklord
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Beitragvon Epiklord » 09.04.2021, 00:01

Ja, irgendwie kann ich mich erinnern, dass wir an anderer Stelle Dasselbe schon mal durchgekaut haben. Bei rausgekommen ist nur, dass man denen und jenen Fehler nicht machen darf. Aber wie wir nun zu der begehrten Erkenntnis gelangen, konnte auch nicht ermittelt werden. Und ein Etwas aus dem Nichts wäre auch kausal, selbst wenn man es nicht linear vermutet, sondern als morphogenetische Ausstülpung. Und die Doppelspaltversuche fanden nicht im Nichts statt; der Beobachter ist selbst Teil der zu beobachtenden Quantenwelt.

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Beitragvon Pjotr » 09.04.2021, 00:53

Was Du als "morphogenetische Ausstülpung" bezeichnest, ist vermutlich dasjenige, was ich früher als "kausales Entstehen einer Akausalität" bezeichnete. Ein spontanes, ursachenfreies Ereignis wird hierbei so erklärt, dass die vermisste Ursache einer "Ausstülpung" zugeschrieben wird, oder einem "kausalen Entstehen einer Akausalität". Man setzt also der Warum-Frage einfach einen weiteren Deshalb-Schritt voran. Das Problem ist damit nicht aufgehoben, sondern lediglich um einen Schritt verschoben. Warum ist die Banane krumm? Weil eine Krümmung entstanden ist. Das ist keine befriedigende Antwort. Wenn ich sage, dass eine plötzliche Akausalität (oder eine Ausstülpung) ein Ereignis verursachte, dann erklärt das immer noch nicht die Herkunft dieser Akausalität (oder Ausstülpung). Man steht immer noch vor der selben Frage. Deshalb habe ich solche Tricks aufgegeben.

Die Doppelspaltversuche zeigen spontane, zufällige Ereignisse.

Epiklord
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Beitragvon Epiklord » 09.04.2021, 02:41

Meine persönliche Ansicht ist die, dass der Urknall, aus dem ursächlich unsere endliche Welt entstand, in einem allumfassenden unendlichen Universum sich ereignete. Es kommt also nicht aus dem Nichts. Stelle ich als endliches Wesen mir aber die Frage, ob und wann das unendliche Universum entstanden ist, so muss ich antworten, es war immer schon da, unendlich. Das endliche Wesen in mir kann es sich aber nicht vorstellen, und meint, es müsse doch auch einen Anfang haben. Nur ehrlich gesagt, was bringt mir diese Erkenntnis oder auch deine, wenn sie wahr sein sollte, außer einer abstrakten Entfremdungstheorie.

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Beitragvon Pjotr » 09.04.2021, 03:11

Ich denke über solche Sachen nach, weil ich neugierig bin, weil ich Antworten suche, und weil allein schon diese Suche mich befriedigt. Eine Variante der Erotik. -- Siehst Du, da haben wir schon wieder eine unendliche Warum-Kette. Warum geschehen im Universum Befriedigungen? Weil Unfriedigungen vorausgehen. Warum? Weil das Universum vielgestaltig ist, und jede Gestalt im Universum etwas gestalten will. Dabei kollidieren die Gestalten. Sie müssen ihre jeweiligen Freiheitsgrade verhandeln -- ein fortdauernder, semi-chaotischer Prozess. Dabei geschehen Belohnungen und Bestrafungen, also Emotionen. Frieden und Unfrieden. Irgendjemand will immer irgendwo hin, wo schon jemand ist.

Zufällig leide ich nicht unter Entfremdungsgefühlen. Deshalb brauche ich auch keine Heimat. Die Heimat-Frage hat sich mir noch nie gestellt. Ich bin in solchen Fragen gefühlskalt.

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Beitragvon birke » 10.04.2021, 11:42

ich lausche euch gern. :)

zum „nichts“ – da teile ich eure gedanken: was ist denn „nichts“? letztendlich glaube ich, dass es nicht „nichts“ gibt – nur unendlich (?!) vieles, was außerhalb unserer vorstellungskraft liegt.

zum heimat-gedanken, pjotr, bei mir ist es so, dass ich heimat mit keinem bestimmten ort verbinde, allenfalls mit dem gefühl zu einem bestimmten ort. deshalb habe ich viele "heimaten" - gibt es da überhaupt einen plural? vorgesehen ist das wohl eher nur im singular. ;) so nach dem motto, es kann nur eine heimat geben? sehe ich aber nicht so. auch so ein weites feld dieses thema!

noch etwas: habe gestern eine kleine dokumentation über hildegard von bingen gesehen, über sie und ihre orte, bingen etc – sehr schön, orte, die ich gern mal aufsuchen möchte. dort wurde in etwa folgendes gesagt, hildegard sah die menschen als eine art „mitarbeiter“ gottes – die menschen sollen die schöpfung, die erde pflegen und schützen. den gedanken finde ich an sich schön und auch nachvollziehbar. überhaupt eine interessante person, mit interessanten gedanken.

lieben gruß an euch!
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