Aphorismen von Jules Renard, kommentiert

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Quoth
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Beitragvon Quoth » 07.04.2016, 17:25

Jules Renard hat geschrieben:Um zu arbeiten, warte ich, bis mein Thema an mir arbeitet. (1900)

Oft verschwende ich Stunden damit, einen Text erzwingen zu wollen, der mir trotz aller Anstrengung nicht gelingt. Dann aber fließt er mir plötzlich wie von alleine zu. Dabei kann es zu inhaltlichen Verschiebungen kommen, die ich in der Phase des absichtlichen Schreibens nie vorgenommen hätte, auf die ich auch gar nicht gekommen wäre. Mit dem Begriff "Inspiration" kann ich nicht viel anfangen. Aber Renards Formel leuchtet mir unmittelbar ein: Das Thema muss anfangen, an mir zu arbeiten. Diese Verselbständigung dessen, was man gestalten will, ist vielleicht das Schönste an der ganzen Schreiberei.



Zitiert nach Jules Renard: Das Leben wird überschätzt. Aus den Tagebüchern ausgewählt und übersetzt von Henning Ritter. Matthes & Seitz, Berlin 2015 und nach Jules Renard: Ideen in Tinte getaucht, Tagebuchaufzeichnungen, übersetzt und ausgewählt von Hanns Grössel, Winkler, München 1986
Zuletzt geändert von Quoth am 12.07.2018, 21:13, insgesamt 1-mal geändert.
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Mucki
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Beitragvon Mucki » 13.04.2016, 12:39

Quoth hat geschrieben:Was ist nun die geeignete Beleuchtung? Und warum brauchen "die kleinen und kleinsten Stücke" Glanz?

Ich denke, dass dieser "Glanz" bereits entsteht, wenn man den Fokus auf das Kleinste richtet, es sieht, wahrnimmt und damit 'beleuchtet'. Wie oft denken, sehen wir nur das Große, sind dann enttäuscht o.ä. und übersehen dabei, wie viel Kleines wir z.B. erreicht haben oder besitzen, etc.
Wieder ein sehr schönes Zitat, das zum Nachdenken anregt.

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birke
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Beitragvon birke » 13.04.2016, 13:47

Quoth hat geschrieben: Was ist nun die geeignete Beleuchtung? Und warum brauchen "die kleinen und kleinsten Stücke" Glanz?

... da fällt mir u. a. meine signatur zu ein ;-)
aber ja, die kunst ist es, am kleinsten das große begreiflich zu machen - das kleine und kleinste zu beleuchten - mit seinen eigenen augen.
ja, wieder ein schönes zitat!
tu etwas mond an das, was du schreibst. (jules renard)

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Quoth
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Beitragvon Quoth » 13.04.2016, 19:45

Jules Renard hat geschrieben: Arbeit ist mir zuwider, aber ich liebe mein Arbeitszimmer. (1903)

Warum muss ich so hemmungslos grinsen, wenn ich das lese? Ich könnte es analysieren - aber ich lasse es. Vielleicht übernehmen es andere? Was für ein merkwürdiges Wesen ist der Mensch!

Quelle: Siehe Kopfposting
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Mucki
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Beitragvon Mucki » 13.04.2016, 20:12

Ja, herrlich! :))) Bei dem Zitat von Renard muss ich auch lachen. Mein Arbeitszimmer ist mir hoch und heilig. Ich hab es mir mit viel Liebe zum Detail eingerichtet, habe meine fast wie eine Höhle eingerichtete Computerecke mit raffinierten Regalen (eine Art Überbau) und diversen Sideboards (das Ganze wie in U-Form) und überall Bücher, Hefte, Stifte, dekorative Gegenstände, etc, dann meine kleine "biblioteca", im ganzen Raum ein schöner Teppich, etc. Sprich: das ist mein Lieblingsort, totales Wohlfühl-Ambiente. Was ich hier tue, verbinde ich überhaupt nicht mit dem Begriff Arbeit.

Mit Arbeit verbinde ich etwas anderes: Staubsaugen, Fensterputzen oder Einkaufen gehen, solche Dinge halt. Und die mag ich überhaupt nicht und die führe ich eben nicht in meinem geliebten Arbeitszimmer durch, sondern an anderen Orten.
Und darauf läuft es wohl hinaus. ,-)

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birke
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Beitragvon birke » 13.04.2016, 23:50

ooooh ja.
in diesem zitat steckt doch eine ganze philosophie!
geht mir übrigens ganz genau so. :razz:
ich denke, das "arbeitszimmer" ist der rückzugsraum.
dort ist die sogenannte "arbeit" keine arbeit. (das ist eher das, was außen vor passiert, wie mucki ja auch schon schreibt).
so verstehe ich das jedenfalls und so mag ich es!
eigentlich schön paradox :-)

ps - da kommt mir auch virginia woolf in den sinn: "ein zimmer für sich allein" :)
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Quoth
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Beitragvon Quoth » 15.04.2016, 18:21

Vielen Dank, Mucki und Birke, dass Ihr hier so aufmerksam mitlest und kommentiert. Ich fürchte, Renards Äußerung ist noch paradoxer als paradox. Er ist ja Schriftsteller, seine Arbeit ist die Schriftstellerei - und auch die ist ihm zuwider. So sitzt er also in seinem geliebten Arbeitszimmer und - was tut er? Vielleicht gibt der erste von mir zitierte Aphorismus einen Hinweis: Er wartet, dass sein oder ein Thema an ihm arbeitet. Er brütet ... Ein merkwürdiger Zwischenzustand zwischen Arbeit und Faulenzen. Ach, ich kenne ihn nur allzu gut! Und wenn dann zum Abendessen gerufen wird, fragt man sich: Was habe ich getan? Hätte ich nicht besser den Garten umgegraben? Gruß von Arbeitszimmer zu Arbeitszimmer, Quoth
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Mucki
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Beitragvon Mucki » 15.04.2016, 18:31

Deine Interpretation ist wohl logischer, auf Renard bezogen, ja.
Quoth hat geschrieben:Er wartet, dass sein oder ein Thema an ihm arbeitet. Er brütet ... Ein merkwürdiger Zwischenzustand zwischen Arbeit und Faulenzen.

Wenn er brütet, würde ich das sogar als quälenden Zustand bezeichnen. Kein Wunder also, dass ihm Arbeit zuwider ist.

Quoth
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Beitragvon Quoth » 15.04.2016, 21:59

Jules Renard hat geschrieben: Die Schriftstellerei ist der einzige Beruf, in dem man, ohne sich lächerlich zu machen, kein Geld verdienen kann. (1906)

Ein wunderbarer Freibrief! Aber doch auch ein wenig - obenhin. Es hat der Schriftstellerei noch nie geschadet, sich auch ein wenig, nur ein ganz winziges Bisschen! - an den Bedürfnissen der Leserschaft zu orientieren. Es ist schließlich keine Schande, wenn die Kasse klingelt! Und warum sollte das nicht im Übrigen auch für die Malerei gelten? Hat van Gogh sich lächerlich gemacht, weil er nur ein einziges Bild verkaufte - und das, soviel ich weiß, an seinen Bruder? Und ist ein ungespielter Komponist lächerlich? Tut mir leid, lieber Jules Renard - diesmal war Deine Spitze zu spitz!

Quelle: Siehe Kopfposting
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Beitragvon Mucki » 16.04.2016, 12:40

Vielleicht ist dieser Spruch eher resignativ gemeint und aus einer depressiven Phase heraus entstanden?

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Beitragvon Zefira » 16.04.2016, 13:03

Ich weiß nicht. Ich habe noch nie mit Schreiben Geld verdient (abgesehen von dem einen Mal, wo ich den Krimipreis bekam) und kann nicht sagen, dass ich mich damit nicht lächerlich gefühlt hätte.
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
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Beitragvon Nifl » 16.04.2016, 13:40

Ich lese den positiv:

-Schriftstellerei ist ein Beruf, mit dem man sich nicht lächerlich macht, auch wenn man kein Geld verdient.
"Das bin ich. Ich bin Polygonum Polymorphum" (Wolfgang Oehme)

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Mucki
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Beitragvon Mucki » 16.04.2016, 13:59

Hier wird auf die "brotlose Kunst" angespielt, klar. Doch, ich sehe es da wie Quoth, Renard sieht es vllt. zu eng bezogen auf die Schriftstellerei. Wie viele heute weltberühmte Maler z.B. litten Zeit ihrens Lebens unter Armut und wurden erst posthum berühmt, bzw. ihre Werke beachtet und gewürdigt.

Quoth
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Beitragvon Quoth » 17.04.2016, 22:53

Meine Bezugnahme auf Renards Zeitgenossen van Gogh war verführerisch, aber vorschnell. Sein Ruhm, die astronomischen Preise, die seine Gemälde heute erzielen, sind eine ex-post-Rechtfertigung. Aber wieviele Maler haben ehrlich mit Material, Farbe und Form gerungen oft jahrzehntelang - und ihre Namen sind verschollen, vergessen, der Kunsthandel hat sie ignoriert, ihre Werke verschimmeln in irgendwelchen Kellern, sie selbst sind tot ... War das nun alles lächerlich, was sie getan, worum sie sich bemüht haben? Hat es nicht sogar was von bitterer Größe? Und liegt nicht im Bemühen um die Kunst, egal, welchen Genres, ihr höchster Wert? Ist nicht der Weg das Ziel gerade bei den vielen, denen auch die ex-post-Bestätigung vorenthalten bleibt?
Deine Signatur, Birke, fehlt in der Sammlung von Henning Ritter. Dafür finde ich dort einen anderen, rätselhaften Mondbezug:
Jules Renard hat geschrieben:Alles Geld des Mondes kommt durch mein Fenster herein. (1901)

Es kann sich nur um Silbergeld handeln. Auf welche Danaë regnet es herab? Was meint er mit dem "Geld des Mondes" - vielleicht den Lohn der "brotlosen Kunst" (Mucki), die er betreibt? Verstehen könnte ich's - im Moment steht der Dreiviertelmond nur einen Fingerbreit vom Jupiter entfernt - ein schönes, in seiner enormen Dauerhaftig- und Vergänglichkeit berührendes Bild, kostbarer als jedes Honorar!
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Beitragvon Mucki » 18.04.2016, 12:11

Ich könnte mir vorstellen, dass er mit "Alles Geld des Mondes", alles Gold des Mondes meint, den Glanz. Daher würde ich diesen Moment als Musenkuss verstehen.


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