zina

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
moonlight

Beitragvon moonlight » 06.05.2012, 19:17

zina


ich war
eure knospe
verhüllt
und unbekannt


keiner musste
mich unterwerfen


ich war
eure blüte
feucht war
mein schoß


keiner musste
mich fesseln


ich war
eure dienerin
wundgeschürft
mein schoß


keiner musste
die grube ausheben


blutdürstig
der ursprung
gegeißelt
habt ihr mich


keiner musste
mich eingraben


nehmt die
kleinen steine
verlängert
meine qual



© Moonlight 2010

moonlight

Beitragvon moonlight » 07.05.2012, 13:46

"http://www.igfm.de/Steinigung-ein-Zeugenbericht-aus-dem-Iran.477.0.html


Steinigung - ein Zeugenbericht aus dem Iran

Der nachfolgende Zeugenbericht einer Steinigung im Iran wurde im Jahr 2000 niedergeschrieben. Der Name des damaligen Schülers ist der IGFM bekannt. Die Steinigung wurde in der Stadt Abadan vollstreckt, wahrscheinlich im Jahr 1992.
"Eines Tages musste ich mit meiner Schulklasse ins Stadion kommen. Es sollte eine Steinigung vollzogen werden, bei der wir zuschauen mussten. Wir saßen auf den Tribünen und warteten. Sandwich-Verkäufer gingen durch die Reihen und boten ihre Waren an. Dann endlich wurde ein Mädchen ins Stadion geführt. Ich erschrak, denn ich erkannte dieses siebzehnjährige Mädchen. Sie wohnte in unserer Straße, und als Kinder hatten wir miteinander gespielt.
Ein Mullah las ihr das Urteil vor: "Im Namen Allahs, des Barmherzigen, wirst du zum Tode verurteilt durch Steinigung." Das Mädchen weinte, aber es wirkte wie benommen. Sie wurde in ein Loch gestellt, das man in die Erde gegraben hatte. Dann schaufelte man dieses Loch bis zur Brusthöhe des Mädchens zu. Auf den Tribünen johlte der Mob. Dann flogen die ersten Steine, die gezielt neben dem Mädchen auf den Boden fielen. Jedes Mal, wenn der Oberkörper des Mädchens zuckte, um einem Stein auszuweichen, begann das Johlen der jungen Männer von neuem. Es war wie bei einem Fußballspiel, wenn ein ganzes Stadion "Tor" schreit. Dann trafen die ersten Steine. Das ganze Spektakel zog sich hin, bis das Mädchen endlich tot war. Ich musste erbrechen.
Einige Tage später war ich beim Friseur. Neben mir saß ein alter Mann und weinte. Ich fragte ihn: "Väterchen, warum weinen Sie?" Und er antwortete: "Meine Tochter ist tot, eben bekam ich vom Gericht die Papiere, dass meine Tochter, die Jungfrau, in der Nacht vor ihrem Tod mehrmals verehelicht wurde." (Im Iran gibt es die Möglichkeit, eine Ehe auf Zeit zwischen einer Stunde und neunundneunzig Jahren einzugehen.) Ich erkannte nun diesen Mann. Man hatte ihm zu seinem Schmerz über die tote Tochter, die nichts anderes getan hatte, als Flugblätter gegen das islamische Regime zu verteilen, nun auch die letzte Hoffnung genommen. Muslime in unserem Land glauben, dass Jungfrauen, die blutig sterben, gleich ins Paradies eintreten und nicht ins Jüngste Gericht kommen. Weil man dieses Mädchen in der Nacht vor ihrem Tod mehrmals verehelicht hatte, starb sie nicht als Jungfrau und musste nun , nach dem Glauben ihres Vaters , aufs Jüngste Gericht warten.
Ich war entsetzt über diese Art des gewaltsamen Todes und über die zynische Weise des Urteils, dass ein junges Mädchen im Namen Gottes des Barmherzigen gewaltsam auf furchtbare Weise getötet wurde, nachdem man sie in der Nacht vor ihrem Tod gesetzlich korrekt mehrmals vergewaltigt hatte. Aus diesem Grunde kann ich kein Muslim mehr sein."

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 08.05.2012, 08:24

Hallo moonlight,

für mich geht das Gedicht vermutlich schon allein wegen der gewählten Ich-Perspektive nicht auf, zumindest nicht in deiner Umsetzung. Aus meiner Sicht ist es für das gewählte Thema inhaltlich wieder nicht eindeutig genug gesetzt. Man könnte es auch leicht als Worte einer Masochistin (LIch) auslegen, und das empfinde ich als absoluten Hohn gegenüber dem Opfer und der Situation, von denen du erzählen wolltest.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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Amanita
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Beitragvon Amanita » 08.05.2012, 08:53

Hallo Ihr Zwei, die Ich-Perspektive stört mich nicht (an dieser Stelle möchte ich gern mal wissen, wie die Ansichten so verteilt sind: Darf man solch einen Sachverhalt generell nicht in der Ich-Form schreiben - oder doch?)

Den Anfang mag ich übrigens sehr. Allerdings kommt es für mich dann auch schnell dicke: "feucht war mein schoß" klingt im gemeinten Zusammenhang doch wirklich wie Hohn? Und interessiert doch auch gar nicht (meine ich jedenfalls)?

Und der Schluss hat eine unpassende Ironie, die wehtut: nehmt die/ kleinen steine/ verlängert/ meine qual. Nein, nein, nein - so wird die "Qual" flach und unglaubwürdig, das geht nicht.

Und, nicht so schlimm, vielleicht Geschmackssache, vielleicht nicht - ich finds nicht gut: Die Wendungen mit "keiner musste" klingen für mich so merkwürdig unemotional, so banal-paragraphenhaft; ich musste spontan an eine Schule denken, wo eine Klopperei eskaliert ist (oder so) und der Lehrer den Schülern sagt, wo's langgeht.

Aber ich möchte an dieser Stelle einmal sagen: Den Mut von Dir, moonlight, Dich an schwierige Themen zu begeben, finde ich schon bemerkenswert. Nun müsstest Du an Formen und Möglichkeiten arbeiten, heikle Stellen gar nicht erst aufkommen zu lassen - denn es ist einfach schwieriger, solche Themen anzugehen, als aus dem Fenster in den Frühling zu schauen : )

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 08.05.2012, 14:50

Hallo Amanita,

die Ich-Perspektive stört mich nicht
Du hältst es also für glaubwürdig, dass jemand während, oder kurz bevor er/sie gesteinigt wird, so denkt/spricht/schreibt?
Ich glaube nicht, dass die Ich-Perspektive grundsätzlich bei bestimmten Themen nicht funktionieren kann, aber man muss denke ich noch einmal viel genauer hinschauen und hinterfragen, ob man das als Autor wirklich leisten kann und warum man meint im Text diese Perspektive einnehmen zu können oder zu müssen.

Liebe Grüße
Flora
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Beitragvon Amanita » 08.05.2012, 15:32

Die Frage der Glaubwürdigkeit stellt sich mir in der Lyrik selten, Flora. Aber das muss nichts heißen.

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Beitragvon Ylvi » 08.05.2012, 20:34

Die Frage der Glaubwürdigkeit stellt sich mir in der Lyrik selten, Flora.
Hm ... warum? Stellt sich dir die Frage bei Prosa?
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)

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Beitragvon Amanita » 08.05.2012, 21:01

Auch nicht unbedingt, aber wenn, dann verlangt eine Erzählung eher Glaubwürdigkeit als ein Gedicht - sehe ich jedenfalls so.

pjesma

Beitragvon pjesma » 09.05.2012, 00:54

"eure" stört mich gewaltig in dem gedicht.
"eure" ist das einzige was sie nicht war...

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 09.05.2012, 10:40

Hallo Amanita,

Auch nicht unbedingt, aber wenn, dann verlangt eine Erzählung eher Glaubwürdigkeit als ein Gedicht - sehe ich jedenfalls so.
Ich nicht. :) Das wundert mich sehr, da das für mich tatsächlich ein entscheidendes Kriterium für einen Text darstellt, und ich frage mich, wie und was du dann (hier) liest, welche Kriterien für dich eine Rolle spielen, gerade was die Wahl der Perspektive anbelangt?
Sowohl in einer lyrischen Umsetzung, als auch bei Prosa, kann ein Text für mich nur wirken und sich entfalten, wenn er in sich stimmig erzählt/gezeigt wird. (Ich erinnere mich an eine ähnliche Diskussion zu diesem Thema mit Sam unter einem seiner Prosatexte, vielleicht ist das also auch nur eine Macke von mir. :o))
Und damit wir nicht von unterschiedlichen Dingen sprechen, die Frage nach der Glaubwürdigkeit bezieht sich natürlich nicht auf den Autor, dass er autobiographisch erzählen müsste, sondern nur auf die Geschichte selbst.

Liebe Grüße
Flora
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Amanita
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Beitragvon Amanita » 09.05.2012, 10:59

Klar, liebe Flora, es geht nichts ums real Erlebte, jedenfalls nicht um die - wie auch immer - erzählten Details dabei. (Das subjektive Erleben des Autors spielt natürlich immer eine Rolle und wird sich - direkt oder indirekt - auch immer in seinen Texten niederschlagen).

Stimmigkeit ist für mich nicht gleich Glaubwürdigkeit! Letztere ist für mich erstmal gar kein Kriterium, wie ich schon versucht habe anzudeuten. Ich glaube dem Autor/ der Autorin sein Anliegen, seine Mitteilung. Der Sachverhalt kann, in seiner metaphorischen Funktion, völlig "unglaubwürdig" sein. Da beziehe ich die (Erzähl-)Perspektive absolut mit ein. Wenn man von jemandem berichtet, den man nie gekannt hat - wie im obigen Beispiel -, finde ich die 1. Person nicht prinzipiell bedenklicher als die 3.; im Gegenteil, manchmal empfinde ich die Sicht von außen sogar anmaßend.

Wie ich wann was lese, kann ich natürlich nicht verallgemeinern (immer wieder neu! - je nach Text).

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Beitragvon allerleirauh » 10.05.2012, 20:13

hallo moonlight,

ich möchte zunächst amanita zustimmen, wenn sie meint, dass du sehr mutig bist, was die themenfindung anbelangt.
ich habe noch gut die diskussionen zu deinem mädchenorchester-gedicht in erinnerung. das war ja auch ein ziemlich heißes eisen, das du da angefasst hattest. naturgemäß gingen die meinungen sehr auseinander.

dein gedicht "Zina" wird vermutlich ähnlich geteilte reaktionen hervorrufen.

ich für meinen teil verspüre zumindest unbehagen, wenn hier ein so komplexes thema (frauen im islam/ scharia / steinigung...) mit wenigen zeilen und unter einer (vielleicht gegoogelten) überschrift abgehandelt wird. ich weiß wirklich nicht, ob wir mitteleuropäer in der lage sind, uns zu dieser schwierigen problematik zu äußern. ich wäre da vorsichtig.

du bist, das schrieb ich schon, mutig und meinst, dich nach der lektüre eines zeitungsartikels in eine gesteinigte hineinversetzen zu können. soweit, so gut.
dein gedicht weist nach meinem dafürhalten dennoch einige inhaltliche und sprachliche schwächen auf.

es beginnt mit der pflanzenmetapher. die knospe erblüht. der feuchte schoß scheint mir unlogisch und/oder missverständlich, assoziiert man doch ein einverständnis?

dann wechselt die sprachebene. von der flora gehts flott hin zum gesinde. aus der blüte wird eine dienerin, deren schoß "wundgeschürft" ist. und mal ehrlich, WUNDGESCHÜRFT? das ergebnis von vergewaltigungen sind schürfungen? das halte ich für eine ziemliche untertreibung.

schließlich beklagt das lyrICH den blutdürstigen ursprung - als leserin habe ich keine ahnung, was du damit meinst. den islam? den koran? sure 24? mohammed? ich finde dererlei vage aussagen äußerst problematisch.

völlig konfus wird es für mich in der letzten strophe. wieso, um alles in der welt, verlangt das lyrICH von den peinigern, kleine steine zu nehmen? warum soll die qual verlängert werden? weil sich das lyrICH der schuld bewusst ist? dem widerspricht allerdings die anklage in strophe 7.

auch die "keiner musste..."-verse verstehe ich eher weniger. sie sagen ja aus, dass die frau alles mehr oder weniger freiweillig mit sich geschehen ließ. glaubst du wirklich, dass dies den tatsachen entspricht/entsprach?

ich denke, wenn man schreibt, erst recht, wenn man über heikle themen wie diese, schreibt, sollte man sich kundig machen. und: es wird auch immer themen geben, die einen tieferen zugang nicht oder nur teilweise zulassen, warum auch immer. in diesem falle: wir betrachten die arabische kultur/ den islam "nur" von außen. bestimmte gesellschaftliche/geschichtliche/soziale...zusammenhänge und mechanismen bleiben uns verborgen. wir urteilen nach unseren maßstäben. ob unsere maßstäbe nun ausgerechnetdie richtigen sind?

wenn ich den aktuellen zustand unserer gesellschaft / der welt betrachte, dann denke ich immer wieder, dass wir als "westen" auch genug dreck vor der eigenen türe liegen haben.

ich will, ganz ausdrücklich NICHT zum ausdruck bringen, dass ich steinigung und die unterdrückung von frauen gutheiße, im gegenteil, aber ich missbillige auch ein schnellgefälltes urteil bzw. eine schnellgeschriebene schilderung, die sich mit einem hauch von authentizität umgibt. beiden lassen sich so einfach in ein klischee einfügen.
lg
a

moonlight

Beitragvon moonlight » 16.05.2012, 08:32

Liebe Freunde herzlichen Dank für die Gedanken die ihr mir mitgeteilt habt.

Dieses Gedicht ist einer Frau gewidmet "Sakineh Mohammadi Ashtiani".

LG
Moonlight

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Zefira
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Beitragvon Zefira » 16.05.2012, 08:42

Hallo moonlight,
es wäre schön, wenn Du auf die konkreten Fragen, die Dir zu dem Text gestellt wurden, ein wenig eingehen würdest.

Grüße von Zefira
Vor der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.
Nach der Erleuchtung: Holz hacken, Wasser holen.

(Ikkyu Sojun)


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