Die Gesetze, 1. "Wenn, dann" (ursprünglich "Wenn der" )

Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 18.05.2012, 23:17

3. Fassung

DIE GESETZE

1. Wenn, dann


Wenn der Augenblick ins Auge fällt nur
dort in die See der Iris
und jede Weiterleitung streng
sich versagt

Wenn der Augenblick im Aug versinkt
und keine Ufer anstrebt, kein Land
in Sicht erhofft


Wenn der Augenblick augenblicklich verharrt
und das Auge zum Wimpernschlag vergisst
des Wassers kurze Flut zu teilen


Dann kann ich diese Spanne Glück vermelden:
Ein Wimpernschlag ein kurzes Wasserteilen
und ich inmitten
trockenen Fußes
willens
in jener Welt endlich zu versinken.



"Wenn" ist die absolute Bedingung. Die Bedingung ist ein Gesetz des Gegebenen. Alles Gegebene, handele es sich um Anlagen der Natur, der gesellschaftlichen Voraussetzungen oder um vorhandene Werkzeuge oder auch Zutaten, Alles Gegebene also ist sowohl ein Geschenk, wie auch ein Fluch der Umstände.

Wenn die Zeit reif ist, geschieht vieles wie von selbst.
Wenn die Zeit nicht reif ist, verdorren die vorzeitig gepflückten Früchte - wie von selbst.

Wenn der Augenblick denjenigen, der ihn erlebt, in seiner Totalität erfasst, vermag er es vielleicht, ihn jeder weiteren Anschauung zu berauben, Sagen das nicht die vielen Werbesprüche: Palermo sehen und sterben.

"Wenn du mich liebst," sagt er, "wirst du mich gehen lassen." Das sagt der Geliebte, das Kind, der sterbende Vater, der Mensch. Wenn, dann.

Das ist das Gesetz vom Sehen und Sterben.






2. Fassung:

Wenn der


Wenn der Augenblick ins Auge fällt nur
dort in die See der Iris
und jede Weiterleitung streng
sich versagt

Wenn der Augenblick im Aug versinkt
und keine Ufer anstrebt, kein Land
in Sicht erhofft


Wenn der Augenblick augenblicklich verharrt
und das Auge zum Wimpernschlag vergisst
des Wassers kurze Flut zu teilen


Dann kann ich diese Spanne Glück vermelden:
Ein Wimpernschlag, ein kurzes Wasserteilen
und ich inmitten
trockenen Fußes
in jener Welt bereit endlich zu versinken.



Ursprüngliche Fassung:

Wenn der Augenblick ins Auge fällt nur
dort in die See der Iris
und jede Weiterleitung streng
sich versagt

Wenn der Augenblick im Aug versinkt
und keine Ufer anstrebt, kein Land
in Sicht erhofft

Wenn der Augenblick augenblicklich verharrt
und das Auge zum Wimpernschlag vergisst
des Wassers kurze Flut zu teilen

Dann kann ich eine solche Spanne Glück vermelden:
Ein Wimpernschlag, ein kurzes Wasserteilen
und ich zu Fuß
inmitten einer Welt, bereit, endlich zu versinken.
Zuletzt geändert von Renée Lomris am 06.06.2012, 17:59, insgesamt 7-mal geändert.

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birke
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Beitragvon birke » 22.05.2012, 12:54

Das mag ich sehr, liebe Renée, wie du hier im Augenblick versinkst, verharrst … fein gezeichnet und poetisch.

Eine Winzigkeit, vor der „Spanne“ klänge für mich statt „eine solche“ „diese“ besser:

Dann kann ich diese Spanne Glück vermelden:

Bin sehr gern eingetaucht, in diesen Augenblick. :)

Liebe Grüße
diana
wer lyrik schreibt, ist verrückt (peter rühmkorf)

https://versspruenge.wordpress.com/

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 23.05.2012, 03:28

Liebe Diana,

das nehme ich gerne an, ich versuch noch eine kleine Abklärung und integriere deinen Vorschlag ...

Vielen Dank!
Renée

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birke
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Beitragvon birke » 23.05.2012, 16:16

Liebe Renée,

ich will dir meine weiteren Gedanken hierzu nicht vorenthalten (hoffe, das ist ok!) und muss gestehen, dass mir die erste Version an sich besser gefiel, und zwar fand ich in der vorletzten Strophe das Bild „des Wassers kurze Flut“ einfach poetischer ausgedrückt – und in der letzten Strophe steht nun das LI „inmitten trockenen Fußes“ – ist das so gewollt? („Inmitten“ und „in“ ist an sich auch „doppelt gemoppelt“?)

Nicht vielleicht doch eher:


(…)
und ich trockenen Fußes
in(mitten) jener Welt bereit endlich zu versinken.



Wie auch immer, mag ich den Text, sehr sogar, nach wie vor. :)

Sei lieb gegrüßt
Diana
wer lyrik schreibt, ist verrückt (peter rühmkorf)

https://versspruenge.wordpress.com/

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 02.06.2012, 15:28

Liebe Diana,

In diesem Gedicht versuchte ich, euch Lyrikern einige Rezepte abzuschauen und zu sehen, ob bei mir etwas Akzeptables dabei herauskommt. Ich bin mit solchen Texten immer sehr unzufrieden (im Gegensatz zu Gedichten, die ich in einer besonderen Verfassung geschrieben habe), weil ich das Gefühl habe, meine Hausaufgaben zu machen.

So versuche ich z. B. die Titel als Anti-Titel oder Ohne Titel anderer Art zu gestalten, indem ich die sträflich vernachlässigten Funktionswerkzeuge der Sprache verwende.

Zwischen Sitzung beim Augenarzt und Reise in meine Iris, wo die Träne zum Meer wird, das sich teilt, (stimmt nicht, aber die Bewegung der Lider lässt die Idee einer Teilung zu, mMn jedenfalls… wird der Augenblick zum Anblick des Augapfels selbst, die Kürze des Augenblicks zum Wimpernschlag. Das Gehen durch das Meer soll an Jesus erinnern, der eine solche Halluzination erzeugt oder erlebt hatte. (Keinerlei christliche Absicht, nur Erinnerung an das Bild in seiner mythologischen Kraft.

Nun zu deiner Anmerkung: Wie immer sehr interessant, was du sagst (Entschuldige bitte die späte Antwort)

Du schreibst:

birke hat geschrieben:Liebe Renée,

ich will dir meine weiteren Gedanken hierzu nicht vorenthalten (hoffe, das ist ok!) und muss gestehen, dass mir die erste Version an sich besser gefiel,


So wie es ist unter Schreibern, die gegenseitig die Ansichten (und Arbeiten) des Anderen respektieren: wunderbar, mit dir auszutauschen …
Und außerdem zeigt sich, dass du Recht hattest. Da brauchte ich allerdings ein paar Tage … Anscheinend muss sich alles erst setzen, bevor sich der literaturkritische Verstand so richtig einstellt.

birke hat geschrieben:und zwar fand ich in der vorletzten Strophe das Bild „des Wassers kurze Flut“ einfach poetischer ausgedrückt – und in der letzten Strophe steht nun das LI „inmitten trockenen Fußes“ – ist das so gewollt? („Inmitten“ und „in“ ist an sich auch „doppelt gemoppelt“?)


Ich stimme dir in allen Punkten zu. Mich würde jetzt eine Weiterarbeit an diesem Punkt interessieren, am liebsten jedoch in direktem Kontakt …

Danke für deine Mühe

Ich werde in Kürze eine Drittfassung einstellen.

Sehr herzlich
Renée

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fenestra
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Beitragvon fenestra » 04.06.2012, 20:51

Liebe Renée,

beim Stöbern in der Monatsliste ist mir dieses Gedicht von dir aufgefallen, vorher hatte ich es gar nicht bemerkt (wohl wegen des Titels, der für mich - ich sags mal so direkt - zu wenig Aufforderungscharakter hatte.

Das Gedicht hingegen ist sehr fein gearbeitet, du benutzt unverbrauchte, interessante Bilder, die ich - auch immer mal beim Augenarzt - sehr gut nachfühlen kann. Ach die Struktur der Strophen gefällt mir sehr gut. Du hast durch die Wiederholungen der Silbe "Aug" und die Strophenanfänge einen Rhythmus hineinbekommen, der einen fast auf Reime warten lässt.

Inhaltlich habe ich nur Schwierigkeiten mit der letzten Zeile. Was ist "jene Welt"? Doch nicht etwa der Tod? Da bleibt kein Auge trocken .... Das wäre mir dann doch etwas zu pathetisch.

Nun bin ich gespannt auf die dritte Fassung, die du angekündigt hast.

Viele Grüße
fenestra

RäuberKneißl

Beitragvon RäuberKneißl » 04.06.2012, 22:19

Hallo Renée,

das finde ich sehr gelungen - es ist mutig, in ein so malträtiertes lyrisches Gebilde wie dem Auge so intensiv zu arbeiten, meine erste Skepsis hat sich nicht gehalten, ich finde, der Text hat einen eigenen Griff.

Die letzte Strophe empfand ich nach dem starken ersten Vers als etwas zu ausführlich, die zweite Zeile nimmt das Motiv der Strophe vorher wieder auf - das also, was dort für mein Gefühl schon besser beschrieben und dem Leser auch noch präsent ist. Ich könnte sie mir noch prägnanter/entschiedener vorstellen, etwa:


Dann kann ich diese Spanne Glück vermelden:
inmitten jener Welt endlich
trockenen Fußes
bereit zu versinken.

Grüße
Franz

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 05.06.2012, 11:53

Liebe Fenestra, lieber Franz


Il va sans dire (Es braucht nicht gesagt zu werden) dass ich Eure Kommentare sehr gern gelesen habe. Mir schwebt schon seit einiger Zeit vor, ein Gesetzbuchh der besonderen Art zu schreiben.

Vielleicht ist dadurch das Titelproblem gelöst. Denn wer kennt nicht diese Maßregelung im Alltag: Wenn. dann: Wenn du das machst, dann musst du mit diesen oder jenen Konsequenzen rechnen. Es hat etwas Bedrohliches, dieses eherne "Wenn, dann.."

Natürlich kommt das Ganze aus "Faust". Wenn Faust sagt "zum Augenblick, Verweile! Du bist so schön!" Dann sagt er zu Mephisto, ist er willens sich Mephistos Befehl unterhzuordnen. Faust ist fest entschlossen, es nicht soweit kommen zu lassen, vergisst aber dabei, dass er zwar selten, aber doch eindringlich zu solchen Glücksmomenten kommt und dies auch ausdrücken wird.

Ich finde den neuen Titel (danke Fenestra ...) gut so.

Für die letzte Strophe habe ich versucht alles Bemerkungen zu berücksichten. Der trockene Weg soll eigentlich "jene Welt" ankündigen, die von Mephisto versprochen wird, eine Art Hades (so sehe ich das) der Wge (von Wassertürmen gesäumt, soll ausdrücken, dass sich (wie beim Wunder) die Wassermassen zurückziehen, um den "Bittsteller" trockenen Fusses in die Unterwelt zu geleiten.

Diese Erklärungen sollen nicht sagen, dass der Leser unbedingt auf alle diese Zusammenhänge "kommen" muss. Es reicht, wenn der Augenblick in seinem gefesselten Wesen auftritt, eingebunden in das Geetz "Wenn, dann::2

Mal sehen, wie Ihr das empfindet

liebe Grüße
Renée

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Beitragvon fenestra » 05.06.2012, 22:21

Mir schwebt schon seit einiger Zeit vor, ein Gesetzbuchh der besonderen Art zu schreiben.


Liebe Renée, das ist eine tolle Idee! Ich bin sehr gespannt, wie du sie fortführen wirst.

Zwar kann ich in diesem Text nicht unbedingt einen Gesetzestext erkennen (es fehlt sowas wie Verbote und Pflichten), aber du hast ja auch geschrieben "der besonderen Art".

Danke auch für die Erläuterungen zur Teilung des Wassers - ja, es ist auch losgelöst vom christlichen Glauben ein starkes Motiv. Wenn du in den Hades hinübertritts, meinst du also tatsächlich den Tod. Wie schon gesagt, ist mir das etwas zu gewaltig für einen solchen mit zartem Wimpernschlag geschriebenen Text, aber jeder empfindet das natürlich anders.

Viele Grüße
fenestra

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 06.06.2012, 18:00

Ich habe nun einen "Gesetzestext" hinzugefügt ......

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Beitragvon fenestra » 06.06.2012, 19:35

Sehr schön, diese Art von Gesetzesauslegung! Gedicht und Prosa-Kommentar - das ist eine reizvolle Kombination, die man öfter ausprobieren sollte.

Gerda

Beitragvon Gerda » 07.06.2012, 11:48

Liebe Renée,

Der Titel "Die Gesetze" erregte mein Interesse. Jetzt mit diesem Titel und der Prosaergänzug als Beschreibung der Hintergründe finde ich das Gedicht gelungen. Es ist ja nicht so, dass du das Gedicht erklärst, sondern die Beweggründe die zum Titel* führten und das gefällt mir gut in seiner dritten Fassung.
Ist es eigentlich Absicht, dass du schreibst "Palermo sehen und sterben", statt "Rom ..."?

* Kennst du das Buch von Connie Palmen, "Die Gesetze", zufällig derselbe Titel, ich las es vor Jahren.

Liebe Grüße
Gerda

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 07.06.2012, 14:15

Liebe Gerda,
danke für deinen Kommentar. Ich weiß selbst noch nicht genau, wie ich das Ganze sehen soll oder will. Es geht um bestimmte Gesetzmäßigkeiten, die im Alltag, im Bezug zum "Andern" Ausdruck finden sollen. Dem Gedanken folgend, dass Gesetze unserer Beziehungen beherrschen, und unsere Beziehungen von Machtverhältnissen (und Macht-, bezw. Ohnmachtserfahrungen) bestimmt sind. Urteile, Vorurteile, Bestimmungen, die gelten ohne Paragraphen zu benötigen, solche Elemente interessieren mich hier. Dake also für dein Interesse.
Ja, Palermo (statt Rom) war Absicht. Ich denke dabei an einen Roman einer Französin, den ich sehr mag "Oublier Palerme".
Connie Palmen kenne ich nicht... Lohnt es sich, das Buch zu bestellen?
liebe Grüße
Renée

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Ylvi
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Beitragvon Ylvi » 21.06.2012, 09:58

Hallo Renée,

das finde ich eine sehr interessante Zusammenstellung, die für mich gut funktioniert und sich gegenseitig nichts wegnimmt, sondern stärkt. Das habe ich sehr gern gelesen.

Liebe Grüße
Flora
Das ist das Schöne an der Sprache, dass ein Wort schöner und wahrer sein kann als das, was es beschreibt. (Meir Shalev)


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