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Bereich für Texte mit lyrischem Charakter: z.B. Liebeslyrik, Erzählgedichte, Kurzgedichte, Formgedichte, Experimentelle Lyrik sowie satirische, humorvolle und natürlich auch kritische Gedichte
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Werner
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Beitragvon Werner » 25.04.2016, 21:10

über die verletzlichkeit des lichts
wurde schon viel geschrieben
wir gehen in der puschkinallee
und reden über sprache
dein haar fällt durch den herbst
in ein anderes leben

Mucki
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Beitragvon Mucki » 25.04.2016, 21:15

fantástico! :stern:

Selten hat mich ein Gedicht auf Anhieb so überzeugt, Werner,

allein die beiden letzten Zeilen sind genial. Und ingesamt geht da bei mir gleich ein Kopfkino los.

Chapeau
Mucki

Klimperer

Beitragvon Klimperer » 02.05.2016, 10:14

So, endlich komme ich dazu, meine Meinung über dieses Gedicht zu sagen.

Eigentlich mein Eindruck, der genau so war, ist, wie der von Gabriella.

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 02.05.2016, 17:23

Hallo werner,

ich sehe das ein wenig anders:

über die verletzlichkeit des lichts
wurde schon viel geschrieben


Ach, ja? Bei mir erzeugen die Zeilen Widerspenstigkeit. Sie kommen daher mit einer Art lyrischen Selbstgefälligkeit, in die dann alles Folgende nur wie teurer Schmuck in einen Tresor aus Glas fällt. Puschkinallee, Haare, Leben - das alles sind ebenso wie die Eingangszeilen nur Stichwörter, zu denen mir selbst adlig-fein-tiefgreifend-weltgeschichtsgroßes einfallen soll, sodass das Gedicht dann wirkt. Aber was erarbeitet sich der Text eigentlich selbst? Wozu gibt es ihn?

Du hast in diesem Text und eigentlich auch allen anderen, die ich von dir gelesen habe, ein hohes Sprachtalent, z.B. Verletzlichkeit des Lichts ist für sich genommen ja wirklich wunderschön und einfach zugleich. Trotzdem habe ich das unbestimmte Gefühl, dass du eher daran interessiert bist, ein Gedicht zu erschaffen, das gut klingt, als vom Inhalt getrieben zu sein. Dadurch wirkt der Text als Ganzes so willkürlich auf mich.

Liebe Grüße
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

Xanthippe
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Beitragvon Xanthippe » 06.05.2016, 09:14

Danke Lisa, für diese Formulierung vom hohen Sprachtalent, das sich in der Erschaffung eines Gedichtes erschöpft, dem aber der inhaltliche Antrieb fehlt. Also diese Frage, ohne die, wie Anne Carson behauptet, kein Gedicht entstehen kann. Das benennt ganz wunderbar konkret ein Unbehagen, das ich manchmal bei Gedichten habe, häufig auch bei meinen eigenen; schöne Formulierungen, die auch gut klingen, aber das alles wird nicht von etwas Übergeordnetem zusammengehalten. Das sind dann einfach Behauptungen, die vielleicht auf den ersten Blick wirken, betören sogar, aber dann, beim zweiten, dritten Lesen bleibt nicht viel mehr als eine (immer noch schöne) Worhülse.

Klimperer

Beitragvon Klimperer » 06.05.2016, 09:41

Wenn man die ersten zwei Verse weg lässt, hätte man nichts gegen das Gedicht einzuwenden.

Niko

Beitragvon Niko » 06.05.2016, 19:54

"Bei mir erzeugen die Zeilen Widerspenstigkeit. Sie kommen daher mit einer Art lyrischen Selbstgefälligkeit, in die dann alles Folgende nur wie teurer Schmuck in einen Tresor aus Glas fällt. Puschkinallee, Haare, Leben - das alles sind ebenso wie die Eingangszeilen nur Stichwörter, zu denen mir selbst adlig-fein-tiefgreifend-weltgeschichtsgroßes einfallen soll, sodass das Gedicht dann wirkt. Aber was erarbeitet sich der Text eigentlich selbst? Wozu gibt es ihn?"

Bei mir erzeugt das lesen des Textes genau diese Gedanken, die ich jedoch nie so auf den Punkt hätte bringen können. Das Gedicht wirkt schwanger, aber es gebiert nichts. Dein sprachtalent ist auch nach meinem empfinden riesig, Werner. Ich glaube, die Gefahr liegt im schleifen, im glätten und für alle etwas besonderes machen wollen.
Mache für dich allein etwas besonderes, sei mutig in deinen Emotionen und ich glaube, dann will dein Text nicht sein, dann ist er!

Liebe grüße - niko ( ich hoffe, nicht zu klugscheißerisch zu klingen. Es ist doch viel mehr meine tiefste Überzeugung!)

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Werner
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Beitragvon Werner » 27.05.2016, 22:34

danke sehr, ich lasse mal unverändert

Mucki
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Beitragvon Mucki » 01.06.2016, 16:45

Werner hat geschrieben:über die verletzlichkeit des lichts
wurde schon viel geschrieben
wir gehen in der puschkinallee
und reden über sprache
dein haar fällt durch den herbst
in ein anderes leben

Bei mir erzeugen die ersten beiden Zeilen überhaupt keine Widerspenstigkeit oder eine Art von Selbstgefälligkeit, da ich einen unmittelbaren Bezug zwischen diesen Zeilen und den beiden Schlusszeilen lese. Dieses "dein haar fällt durch den herbst in ein anderes leben" lese ich als Älterwerden, als Eintreten in den nächsten Lebensabschnitt. Das Haar reift, es wird dünner wie der Herbst auf die fallenden Blätter hinweist. Und die Zeile "wir reden über sprache" ist für mich sozusagen die Einleitung zu den beiden Schlusszeilen. A la: wie sage ich dir, dass du älter geworden bist? Ich sage es dir mit poetischen Worten. Ich sage nicht: dein Haar ist dünn geworden, du bist älter geworden. Ich sage dir: "dein haar fällt durch den herbst in ein anderes leben".
Deshalb finde ich dieses Gedicht wunderbar.

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birke
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Beitragvon birke » 01.06.2016, 16:54

für mich lebt das gedicht eher vom unausgesprochenen (-geschriebenen):

"über die verletztlichkeit des lichts
wurde schon viel geschrieben"

(... aber über deine verletzlichkeit
fiel noch kein wort)

und die wiederum ist dann thema der nächsten zeilen.

ich mag das gedicht, ich finde es sehr... zart und verletzlich.
(und der herbst schlägt für mich dann übrigens wieder den bogen zum anfang, zu diesem ganz besonderen licht.)
wer lyrik schreibt, ist verrückt (peter rühmkorf)

https://versspruenge.wordpress.com/

pjesma

Beitragvon pjesma » 02.06.2016, 23:47

ein aufgefangener moment. ich finde es schön.


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