Der Cthulhu-Zyklus Episode 0: Prolog

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 25.09.2026, 21:15

„Jetzt müssen Sie den da aber auch noch aufräumen.“ Die Frau am Tresen der Touristen-Information deutet auf einen Stapel Werbeflyer für den >Erlebnis-Bauernhof Petersen, ein Spaß für die ganze Familie<. Tatsächlich bilden die Blätter ein unangenehmer Kuddelmuddel, sie ragen mit den Ecken in alle Richtungen aus dem Stapel heraus.

„Muss ich?“

„Tja…“ Die Frau schaut auf die Werbungen für Schwarzlicht-Minigolf, Escape-Rooms, einen Wasserskipark und noch einige Dutzend weitere Angebote, sauber nach Farbe und Größe geordnet und präzise an der Tischkante ausgerichtet. „Wenn ich mir ansehe, was Sie die letzte halbe Stunde so gemacht haben: Ich denke schon.“

Von wegen, denke ich. Gar nichts muss ich. Ich bin hier schließlich Kunde, nicht Mitarbeiter. Während ich das denke, nehme ich den Stapel auf, stoße ihn auf den Tisch und richte ihn an der Tischkante aus. Besser. Aber von der Größe her gehört er weiter nach links, und von der Farbe her…

„Wir schließen jetzt übrigens.“

Ich erspare mit die Frage, ob ich nicht noch ein wenig bleiben kann. Stattdessen nicke ich der Frau kurz zu und gehe. Ohne einen Flyer mitzunehmen.

Es ist 18:00. Vor 22:00 kann ich nicht einschlafen. Noch vier Stunden.

Ich beschließe, zum Strand zu gehen. Als ich ankomme, dämmert es bereits. 19:30. Noch zweieinhalb Stunden. Ich passiere ein Schild mit der Aufschrift >Solitüde.< Passend. Bis auf ein paar Möwen ist niemand mehr hier. Ich ziehe eine Plastiktüte aus der Hosentasche. Dann hebe ich auf, was ich so finde. Eine verbeulte Coladose. Eine leere Tube Sonnencreme. Eine zerrissene Badehose. Eine Zigarettenkippe. Eine Spielkarte, Karo acht. Ein Kronkorken. Noch eine Zigarettenkippe. Ein Pflaster. Noch ein Kronkorken. Noch eine Zigarettenkippe. Eine Glasscher – verdammt! In die Scherbe habe ich voll hinein gegriffen. Nun tropft Blut aus einem Schnitt in meinem Daumen.

Direkt neben dem Strand ist das Wasser zu flach, um das abzuwaschen. Ich lege die Tüte ab, ziehe meine Schuhe aus und wate hinein. Dabei wirbele ich Schlamm auf. Meine Blutstropfen bilden rote Schlieren auf der Oberfläche, die rasch absinken und sich im Trüben verlieren.

Das ist jetzt weit genug, denke ich mir, tauche die Hand ins Wasser -- und ziehe sie gleich wieder zurück. Ich habe in irgend etwas hinein gefasst. Es fühlte sich rund an, und weich. Ich stehe still und warte, dass der Schlamm sich legt. Ich kann vage etwas Grünes erkennen. Dann zwei rote Punkte. Etwas sieht mich an, denke ich, während das Wasser wieder klar wird und den Blick freigibt.

Das, was da im Wasser sitzt, hat Extremitäten, die an die eines Löwen erinnern. Eines Löwen mit grünem Fell. Über seinen Rücken verläuft ein Stachelkamm, der an einen Waran oder einen Leguan erinnert; daneben erstrecken sich zwei Drachenschwingen, die mich in Verbindung mit der aufrechten Haltung der Gestalt kurz an einen Engel denken lassen – nur solange jedoch, bis mir das Wort "Dämon" einfällt. Das merkwürdigste aber ist der Kopf. Als hätte man einen Kraken auf den Rumpf genäht (einen Hals scheint es nicht zu geben). Über den Oberkopf ziehen sich knochige Wülste, darunter eine hervorspringende Stirn mit zwei halb seitwärts gerichteten, roten Echsenaugen. Eine Nase oder ein Maul scheint das Ding nicht zu haben; stattdessen beginnt unter der Augenpartie ein wogender Bart aus Fangarmen, die der Kreatur bis hinunter zum Bauch reichen.
Ich kenne diese Gestalt. Ich habe diese Tentakelfratze auf Spielkarten gesehen, auf Postern, einmal sogar als Statue in einem Rollenspielladen. Ich kenne Geschichten über sie und Lieder, sogar eine Reihe von parodierten Weihnachtsliedern, die in gewissen Kreisen alle lustig finden.

Vor mir sitzt ein etwa wadenhoher Plüsch-Cthulhu.

Sicher, denke ich mir. Er schläft im Meer. Das weiß ja jeder, der mal Lovecraft gelesen hat. Aber in der Flensburger Förde hätte ich ihn jetzt nicht vermutet. Als ich ihn aus dem Wasser hebe, kommt etwas von meinem Blut an den Tentakelbart, worüber ich kurz grinsen muss. Guten Appetit, denke ich.

Aber wohin jetzt damit? Ein Fall für den Müllbeutel ist er nicht, dafür ist er zu gut erhalten. Andererseits ist er völlig mit Meerwasser durchtränkt.

„Na, dann nehme ich dich wohl erst einmal mit,“ sage ich. „Irgendwo werde ich dich schon los.“

Es ist 20:30. Ich erreiche die Hafenpromenade. Dort steht zwei Bänke, dazwischen ein Mülleimer. „Hier ist kein Platz für Gewalt,“ lese ich auf der einen Bank, während ich den Inhalt meiner Plastiktüte in den Mülleimer ausleere. Auf die andere hat jemand mit Edding „Hier schon“ geschrieben. Die erste ist mit einem knutschenden Teenie-Pärchen belegt. Ich setze mich auf die andere und lege den Cthulhu neben mich. „Hier fühlst Du dich doch sicher wohler, oder?“ flüstere ich dem Cthulhu leise zu. Sehr leise. Mit einem nassen Sack zu reden, könnte auf Außenstehende befremdlich wirken. Es kommt auch keine Antwort. Natürlich nicht. Pro forma verharre ich einige Minuten, ehe ich aufstehe und mich davon mache. Den Cthulhu lasse ich liegen.

Ich komme aber nur ein paar Schritte weit. „Warten Sie!“ Ich drehe mich um. Das Teenie-Mädchen, das gerade noch auf der Bank geknutscht hat, hält mir strahlend den Cthulhu hin. „Sie haben Ihren …“ -- sie schaut das nasse Ding in ihren Händen kurz an – „äh … Teddy vergessen!“

Es stimmt wohl, was man so erzählt, denke ich. Die können sich heute auf gar nichts mehr konzentrieren. Als ich in dem Alter war, hatte man beim Rummachen die Augen zu. Glaube ich zumindest. Was weiß ich schon. „Oh, danke!“ murmele ich. Ich ringe mir ein Lächeln ab, während ich den Cthulhu entgegen nehme und weitergehe.

Zur Hafenspitze hin wird es voller. „Ey, pass mal auf!“ fährt mich ein bulliger Typ auf einem E-Rad an. Also, im Grunde hat er mich knapp nicht angefahren. Sehr knapp. Darum geht es wohl. Das Rad trägt die Aufschrift „Pizza-Flitzer“; auf dem Gepäckträger befindet sich eine Styroporbox, vorne ein geräumiger Lenkerkorb. Manchmal sind die beklopptesten Ideen die besten, denke ich mir, stopfe den Cthulhu wortlos in den Lenkerkorb und entferne mich rasch.

Offenbar nicht rasch genug. Keine halbe Minute später legt sich von hinten eine Hand auf meine Schulter. Als ich mich umdrehe, klatscht mir der Cthulhu ins Gesicht. Ich fasse reflexartig zu und bin erstaunt, wie viel ich noch aufnehmen kann, während ich rückwärts taumele und von der Kaimauer falle. Ich solle meinen Scheiß bei mir behalten, ich könne froh sein, dass er arbeiten müsse, ich gehöre in eine Irrenanstalt, ich sei ein Vollidiot und ein dummer Wi… In diesem Moment schlägt das Wasser über mir zusammen. Nicht so schlimm, denke ich mir, während ich, den Cthulhu in den Händen, im Hafenbecken versinke. Ich weiß ja, wie es weitergeht. Wobei, streng genommen könnte er auch „Wicht“ gesagt haben, „Witzfigur“ oder „Widerling.“ Unwahrscheinlich. Aber möglich.

Ich richte mich wieder auf. Das Wasser ist hier nicht besonders tief, es geht mir etwa bis zu den Hüften. Der Pizzabote ist inzwischen weitergefahren, nur ein paar Jugendliche schauen mir zu. Ein Glück. Im Stillen hoffe ich, dass der Typ mich nicht erkannt hat. Trotzdem werde ich vorerst lieber auf Bestellungen beim >Pizza-Flitzer< verzichten. Manchmal, denke ich, während ich, den Cthulhu unter den Arm geklemmt, aus dem Wasser klettere, manchmal sind die beklopptesten Ideen auch einfach nur bekloppt.

Meine Schuhe machen bei jedem Schritt schmatzende Geräusche, während ich, eine breite Wasserspur hinter mir herziehend, durch die Fußgängerzone fließe. Dabei kreisen meine Gedanken weiter um Möglichkeiten für das Wort des Pizzaboten. Eigentlich glaube ich, das „x“ noch gehört zu haben. Wichtigtuer. Genau sagen kann ich es nicht. Konsonanten halt. Witzbold.

An der Ecke vor mir liegt das „Hexenhaus.“ Schöner Laden, denke ich. Ich erinnere mich an lange Regalreihen mit Rollenspiel-Regelwerken, Graphic Novels und Comics. Hier wird der Cthulhu sicherlich freundliche Aufnahme finden. Wimmerling. (Ist das eigentlich ein Wort?) Ich stelle das tropfende Plüschding auf der Türschwelle ab, gehe ein paar Schritte zurück. Nicke. Wirrkopf. Da steht er gut.

In diesem Moment kommt ein Hund um die Ecke; er schnüffelt kurz am Tentakelbart. Der Geruch meines Bluts scheint ihm zu gefallen. Er nimmt den Cthulhu ins Maul und trabt schwanzwedelnd davon.

Ich habe den starken Eindruck, dass das nicht in Ordnung ist. Auch wenn ich nicht recht verstehe, warum. Die Glasaugen, schießt es mir durch den Kopf. Wenn er die zerbeißt! Könnte er nicht auch an der Füllung ersticken? Aber da ist noch mehr.. Ein Gott als Hundespielzeug – das ist doch irgendwie ungehörig. Selbst wenn es ein abscheulicher Gott ist. Winkeladvokat.

Winzling, denke ich, während ich hinter dem Hund die Gasse herauf laufe, aus der er gekommen ist, und mich gleichzeitig bemühe, nicht an Schimpfwörter zu denken, die mit >Wi< beginnen. Wichtel. Windei. Wildschwein. Mist. Ich folge dem Tier um eine Biegung. Dahinter steht eine ältere Dame mit einer Leine in der Hand. Windel.

„Entschuldigen Sie,“ sage ich. „Ihr Hund hat meinen …“ Ich beschließe, die Sache nicht unnötig zu verkomplizieren. „Teddy.“

Die Dame sieht mich an wie – nun wie man einen tropfnassen Mann, der in einer dunklen Gasse nach seinem Monster-Teddy verlangt, eben ansieht. Für diesen Gesichtsausdruck gibt es keine anderen Worte. Er kommt einfach nicht so oft vor, dass es sich lohnen würde, welche einzuführen.

„Aus, Bolli,“ sagt sie, nimmt dem Hund den Cthulhu aus dem Maul und hält ihn mir hin.

„Danke.“ Der Cthulhu hat keine auf den ersten Blick erkennbaren Bissspuren davon getragen. „Windbeutel,“ füge ich, einem plötzlichen Impuls folgend, mit einem erfreuten Gesicht hinzu.

„Wie bitte?“

„Oh,“ stammele ich. „Verzeihung. Das … kam von einem anderen Thread.“

Ohne ein weiteres Wort nimmt die Dame ihren Hund an die Leine und geht.

Als ich zuhause ankomme, ist es 21:45. Den Cthulhu halte ich weiter in der Hand. Irgendwie geeignete Ablageorte, die zudem noch vor Hunden sicher sind, habe ich auf dem Weg keine mehr gefunden. Die Wunde hat zu bluten aufgehört, dafür sieht der Tentakelbart jetzt aus wie nach einem Festmahl. Ich stelle Cthulhu im Treppenhaus auf die Fußmatte vor meiner Wohnungstür. Da kann er erst einmal trocknen. Morgen sehe ich weiter, denke ich, während ich die Wohnungstür hinter mir schließe. Wiesel. Morgen ist mal wieder Samstag. Dann habe ich nach dem Aufstehen wenigstens etwas zu tun.
Zuletzt geändert von Mnemosyne am 27.09.2026, 10:13, insgesamt 3-mal geändert.

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Beitragvon MaxDernet » 26.09.2026, 13:02

Chtulhu als Plüschtier, fungiert der gut geschriebene Text als Bann des Schreckens?

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Mnemosyne
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Beitragvon Mnemosyne » 26.09.2026, 17:20

Tja, so hofft es der Protagonist, wohl eher aus Verzweiflung denn aus Einsicht. Aber wenn man den Schrecken zum Trost machen will, lädt man ihn eher ein als ihn zu bannen.
Danke für das "gut geschrieben." Ich denke, ich packe da aber noch etwas "Wumms" dazu. Stay tuned. :-)


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