Zwei Poetische Leinwände

Hier ist Raum für Werke, die das Zusammenspiel zwischen Literatur & anderen Künsten betonen, etwa Inspirationsfotos, fiktive Postkarten
SchwarzeTinte

Beitragvon SchwarzeTinte » 25.07.2009, 17:37

Hier zwei Doppelwerke von mir:

Zeitgefühl:
Bild

Der angepasste Schrei:
Bild

Durch anklicken werden die Bilder grösser, entschuldigt wegen der miesen Fotoqualität, aber ich habe im Moment nur meine Handykamera dabei, sobald ich meine Nikon wieder habe kommen sie in besserer Qualität.

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Lisa
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Beitragvon Lisa » 27.07.2009, 08:56

Lieber Mario,

ich finde die Mischung aus Bild gewordenen Buchstaben immer spannend, besonders weil es sich hier umkeine durch ein Bildbearbeitungsprogramm hinzugefügte Worte handelt, sondern durch echte Farbe aufgetragene - ich mag es, wie man so zugleich Schrift/Text und Bild wahrnimmt und das ganze fest zusammenstimmt. Zudem entsteht eine schöne Mischung aus Kopfanteil und Sinnlichkeit/starker Emotionalität - diese zwei Aspekte gefallen mir sehr gut!

Der Stil ist mir letztlich aber noch zu wenig - beim unteren assoziiert man mit den roten an die Leinwand "geklatschten" Farbklecksen, die nach unten laufen am ehesten Blut oder etwas aus diesem Feld - der genannte schon allein sehr kräftig angelegte Schrei wird dadurch noch verstärkt, sodass ich das ganze als etwas zu kräftig aufbäumerisch empfinde - analog zu Kitsch vielleicht - die Selbstbeschäftigung scheint mich so anszuspringen, der Druck ist so groß. Was icht heißt, dass es solche Zustände nicht gibt, aber sie sind nicht "Vorgehensweisen", die sich für mich als Zwangsausbrüche lohnen.
Der Text des zweiten ist ein ganz spannendes (scheinbares) Paradoxon, mir gefällt er als Modell für den im Alltag gefangenen Menschen: der Schrei entsteht aufgrund der Enge des Alltags, aber bleibt zugleich auch wieder in diesem stecken - es entsteht eine hilflose/unnützte Ausdrucksform aufgrund der Enge, mit der man sich auch nicht befreien kann, wenn ich ein wenig an Munks Schrei und dies Kreisel darin denke, dann ist das dort ja auch ein bisschen gesagt - der Schrei zeichnet sich eher nach innen ab.

Beim zweiten Bild, finde ich die Bildelemente etwas ausgereifter, man kann eine Komposition erkennen (etwa das Orhtogonalprinzip, was zur Situation passt), hier nun wieder finde ich aber den Text etwas nichtssagend - dazu der etwas getragen wirkende Genitiv "des Lebens Länge" - ich weiß eigentlich nicht wirklich, was mir die Worte sagen sollen - und warum ich das nicht weiß: Weil ich es nicht erschließen kann oder weil es für mich zu oberflächlich ist.

liebe Grüße,
Lisa
Vermag man eine Geschichte zu erzählen, die noch nicht geschehen ist?
Es verhält sich damit wohl wie mit unserer Angst. Fürchten wir uns doch gerade vor dem mit aller Macht, was gar nicht mehr geschehen kann, eben weil es schon längst geschehen ist.

Renée Lomris

Beitragvon Renée Lomris » 27.07.2009, 12:36

Hallo Mario,

ich kenne mich längst nicht so gut aus, wie einige hier auf diesem Forum. Vielleicht interessiert dich dennoch, was der durchschnittliche Betrachter bei deinen Werken empfindet.
Nach Lesen des "Spiegel" und aufmerksamer Betrachtung obiger Bilder fällt mir eine deiner Vorgehensweisen auf, die ich interessant finde: der möglichst offen gelassene Bezug zwischen Verb und Subjekt. Beziehungsweise suchst du eine Möglichkeit zwei Subjekte = zwei Objekte stehen zu lassen. Das empfinde ich als interessant, finde aber, dass das als Masche empfunden werden kann. Von deinen drei Werken (die mir alle "einleuchten") kommt mir das dritte am nächsten. Zwar hat es fast zu stark dramatischen Charakter, aber Verhältnis von "Schrei" "Subjekt" (Wort/Farbe) ist ausgewogen.
Die Darstellung fasse ich als "Hals/Kragen/Kehlkopf/Garotte" auf, in dem (sich) der Schrei(=Subjekt) erstickt. Das Wort Gurgel fällt mir ein ... Adamsapfel, all diese Vokabeln, die das Empfindliche, Verletzliche der Halspartie ausmachen.

Und jetzt denke ich : vielleicht entspricht das gar nicht deiner Absicht.

Insgesamt kühl und intellektuell, zwar sieht man den Schmerz förmlich, aber er bleibt - so wie der Schrei - erstickt. (scheint mir)

liebe Grüße
Renée

Mucki
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Beitragvon Mucki » 27.07.2009, 16:59

Hallo Mario,

ehrlich gesagt kann ich mit deinen Bildern nicht allzuviel anfangen. Was mich aber bei "Der angepasste Schrei" vor allem irritiert, ist, dass der Mund fast wie ein Kussmund aussieht und nicht wie ein Schrei. Auch hätte ich hier für den Mund eine andere Farbe gewählt: schwarz, aber nur für den Mund selbst. Die roten "Fäden" passen schon, doch hätte ich sie aus dem Mund herausfließen lassen und sozusagen einen "Pfropfen" in rot in den Mund gestopft, um das "Angepasste/das Erstickte" auszudrücken.
Und zu Bild 1:
Hier fände ich statt "an der Lebens Länge": an das Lebenslange treffener.
Aber so ist das nunmal. Beim kunsthaften Ausdruck scheiden sich die Geister. ;-)

Saludos
Gabriella

SchwarzeTinte

Beitragvon SchwarzeTinte » 29.07.2009, 11:48

Vielen Dank für euren Kommentar, und ehrlich gesagt bin ich selbst auch nicht allzu überzeugt über diese beide Werke.
@Gabriella, dass mit dem Mund ist so eine Sache, du bist nicht die erste die darin ein Mund sieht, dass ist eher zufällig entstanden, denn eigentlich ist es etwas anderes ^^

Zum Gedicht, beim Schrei ist es eigentlich nur ein Teil eines Gedichtes:

Schreie

machen sich breit

in seinen Adern

einen Ausweg
suchend

Strömend

umwinden ihn

Massen, unförmig

aus Menschen



Der Schrei

sein Protest

gegen ihren Alltag

bleibt stecken

in ihm

Zurück

bleibt er

und gleicht sich an

das ist sie

unsere Medizin

und Gift

für die Welt


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